Unterdrückte Gefühle verschwinden nicht, sie wechseln die Adresse: 7 körperliche Symptome, was Studien belegen und welchen Weg die GKV bezahlt.

Unterdrückte Gefühle melden sich selten dort, wo man sie erwartet. Sie melden sich als Kiefer, der morgens weh tut. Als Druck unter dem Brustbein in einer Besprechung, in der alles höflich bleibt. Als Erschöpfung an einem Tag, an dem nichts Anstrengendes passiert ist. Die meisten Menschen suchen dann zuerst nach einer körperlichen Erklärung — und das ist richtig so. Erst wenn nichts gefunden wird, taucht die zweite Frage auf: Könnte es sein, dass der Körper etwas erledigt, wofür sonst niemand zuständig ist?

Das Wegschieben selbst haben wir nie als Problem gelernt, sondern als Tugend. Reiß Dich zusammen. Nicht weinen. Das muss man nicht an die große Glocke hängen. Nach ein paar Jahrzehnten funktioniert das so gut, dass die Frage nach dem eigenen Befinden ins Leere läuft. Von außen sieht das nach Stabilität aus. Von innen nach einer Leitung, die ständig unter Druck steht.

Dieser Text beginnt deshalb beim Körper und arbeitet sich nach hinten vor: sieben Symptome, dann die Begriffe, dann die Studienlage mitsamt ihren Lücken, dann drei Blicke von außen — die deutsche Sprache, die alte Spinnstube und die chinesische Medizin — und am Ende der ganz praktische Teil: was Du selbst tun kannst und welchen Weg die gesetzliche Krankenversicherung in Deutschland bezahlt. Vorab das Wichtigste: Was hier beschrieben wird, ergänzt die medizinische Abklärung und ersetzt sie nie. Körperliche Beschwerden gehören zuerst in eine Praxis, nicht in einen Ratgeber.

Sieben Zeichen, an denen Du es im Alltag merkst

Keines dieser Zeichen beweist für sich etwas. Es geht um das Muster — und darum, wie lange es schon besteht.

  1. Dauerspannung im Kiefer, Nacken und in den Schultern. Sie ist morgens da, nicht erst abends, und sie lässt sich kurz lösen, kommt aber zuverlässig wieder.
  2. Ein Kloß im Hals ohne Befund. Das Schlucken funktioniert, trotzdem fühlt es sich an, als säße etwas fest. Was dahinterstecken kann, haben wir im Beitrag über den Kloß im Hals sortiert.
  3. Der Magen reagiert vor dem Kopf. Übelkeit, Druck oder ein flaues Gefühl in Situationen, die man anschließend als harmlos beschreibt.
  4. Flacher Atem im Oberkörper. Das Zwerchfell bleibt oben, der Bauch bewegt sich kaum. Viele merken es erst, wenn sie bewusst hinschauen.
  5. Weniger Freude, aber nicht weniger Last. Keine große Traurigkeit — aber auch keine richtige Freude mehr. Viele beschreiben diesen Zustand als emotionale Taubheit. Im Labor belegt ist bisher vor allem die eine Seite davon: Das Verbergen dämpft die angenehmen Gefühle, die schweren bleiben.
  6. Schlaf, der nicht erholt. Einschlafen geht, Durchschlafen nicht, und was tagsüber nicht gefühlt wurde, läuft nachts im Kopf als Endlosschleife.
  7. Keine Worte für den eigenen Zustand. Du weißt, dass etwas nicht stimmt, aber nicht, ob es Ärger, Trauer, Angst oder Scham ist. In ausgeprägter Form heißt das Alexithymie.

Wenn Du mehrere dieser Punkte über längere Zeit wiedererkennst, ist das kein Urteil über Dich. Sie sind ein Hinweis darauf, dass Dein Körper etwas trägt, das noch kein Wort bekommen hat. Wo solche Spannungen typischerweise sitzen, zeigt unser Überblick dazu, wie sich Emotionen im Körper spüren lassen.

Unterdrücken, wegschieben, verdrängen — drei Dinge, ein Wort

Umgangssprachlich fällt alles unter denselben Begriff. Fachlich sind es drei verschiedene Vorgänge.

Ausdrucksunterdrückung ist der am besten untersuchte Fall: Du spürst das Gefühl vollständig und hältst nur die Außenseite ruhig. Gesicht, Stimme, Haltung sagen nichts. James Gross in Stanford hat diesen Mechanismus seit den Neunzigerjahren im Labor vermessen.

Gedankliches Wegschieben setzt früher an. Hier soll das Gefühl gar nicht erst entstehen: bloß nicht hinschauen, das ist doch nicht so wichtig, andere haben echte Sorgen.

Verdrängung stammt aus der psychoanalytischen Tradition und beschreibt den Fall, in dem das Gefühl das Bewusstsein nie erreicht. Wer sagt, er werde grundsätzlich nicht wütend, meint das in aller Regel ehrlich.

Und was nicht dazugehört: Selbstbeherrschung im Alltag. Nicht zu schreien, nicht vor Kundschaft zu weinen, das Kind nicht anzufahren — das ist Verhaltensregulation und völlig gesund. Kritisch wird es, wenn aus dem Aufschieben ein Dauerzustand wird und das Gefühl nirgends mehr stattfinden darf.

Zwei Gefühle haben bei uns eigene Texte, weil sie eigene Muster bilden: unterdrückte Wut und unterdrückte Trauer. Hier geht es um den gemeinsamen Mechanismus dahinter.

Was die Studienlage hergibt — und wo sie dünn ist

Ruhiges Gesicht, arbeitender Kreislauf

Die Ausgangsstudie stammt von James Gross und Robert Levenson aus dem Jahr 1997. 180 Frauen sahen drei Filme — traurig, neutral, lustig. Neunzig durften frei reagieren, neunzig sollten jede Regung verbergen. Im neutralen Film passierte physiologisch nichts. In beiden emotionalen Filmen stieg die sympathische Aktivierung des Herz-Kreislauf-Systems. Der verblüffende Teil: Das Verbergen senkte das berichtete Vergnügen, nicht aber die Traurigkeit (Gross und Levenson, 1997). Wer den Ausdruck abschaltet, verliert verlässlich die guten Gefühle und wird die schweren trotzdem nicht los.

Richards und Gross ergänzten 2000 den geistigen Preis: Wer sein Gesicht kontrolliert, erinnert sich schlechter an das Gespräch, in dem er es getan hat.

Die Rechnung geht an zwei Adressen

Emily Butler und Kollegen ließen 2003 einander fremde Frauen paarweise über ein belastendes Thema sprechen; eine der beiden bekam heimlich die Anweisung, Gefühle zu verbergen. Die Kommunikation geriet ins Stocken, es entstand weniger Verbundenheit, und der Blutdruck stieg bei beiden Beteiligten — auch bei der ahnungslosen Gesprächspartnerin. Eine Fassade, die Rücksicht sein soll, erzeugt Anspannung auf beiden Seiten.

Zwölf Jahre und eine ehrliche Einschränkung

Die am häufigsten zitierte Langzeitarbeit stammt von Benjamin Chapman und Kollegen aus dem Jahr 2013. 729 Erwachsene in den USA beantworteten 1996 Fragen zum Unterdrücken von Gefühlen; bis 2008 wurden 111 Todesfälle erfasst. Für das 75. gegenüber dem 25. Perzentil ergab sich ein Hazard Ratio von 1,35 bei einem Konfidenzintervall von 1,00 bis 1,82 und p gleich 0,049 (Chapman und Kollegen, 2013).

Diese Zahl wird in Ratgebern gern zu einem Kausalsatz verkürzt. Das trägt sie nicht. Das Konfidenzintervall berührt die 1,00, der Befund liegt also haarscharf an der Signifikanzgrenze, und eine Beobachtungsstudie kann grundsätzlich keine Ursache zeigen. Was bleibt, ist ein Zusammenhang, dessen Richtung zu den Laborbefunden passt. Mehr behaupten wir nicht.

Der weiße Bär und das Rückprall-Problem

Daniel Wegner bat 1987 Versuchspersonen, einige Minuten nicht an einen weißen Bären zu denken. Der Bär kam hartnäckig wieder, und nach Aufhebung des Verbots häufiger als vorher. Dieser Rückprall erklärt, warum weggeschobene Themen abends als Grübeln zurückkommen: Das Nicht-Denken hält sie in Bewegung.

Alexithymie

Den Begriff prägte 1973 der Psychiater Peter Sifneos; wörtlich bedeutet er das Fehlen von Worten für Gefühle. Gemeint ist eine Eigenschaft, keine Krankheit: die Schwierigkeit, eigene Emotionen zu erkennen, zu benennen und von Körperempfindungen zu unterscheiden, oft verbunden mit einem nach außen gerichteten, sachlichen Denkstil und einer eher armen Phantasietätigkeit. Schätzungen liegen bei etwa jeder zehnten Person. Dass sie häufig neben körperlich erlebten Beschwerden auftritt, ist naheliegend: Wo das Wort fehlt, bleibt der Körper.

Was stattdessen wirkt

Gross beschreibt Emotion als Prozess mit mehreren Eingriffspunkten. Unterdrückung greift ganz am Ende ein, wenn die Reaktion längst läuft — darum ist sie teuer. Die Neubewertung einer Situation setzt deutlich davor an; bei Gross und John ging sie 2003 mit stabilerem Befinden und belastbareren Beziehungen einher. Noch niedrigschwelliger ist das Benennen: Matthew Lieberman und sein Team wiesen 2007 im fMRT nach, dass die Amygdala schwächer anspringt, sobald einem Gefühl ein Wort zugeordnet wird. Und George Bonanno fand 2004, dass am besten zurechtkam, wer je nach Lage zwischen Ausdrücken und Zurückhalten wechseln konnte — eine prospektive Beobachtung, kein Beweis einer Ursache. Das Ziel ist nicht Enthemmung, sondern Wahlfreiheit: Gefühle zulassen zu können, ohne ihnen ausgeliefert zu sein.

Die Sprache weiß es längst

Bevor es Psychosomatik als Fach gab, gab es Redewendungen. Im Deutschen sind sie auffällig körperlich — und sie beschreiben erstaunlich präzise, was das Labor später gemessen hat.

Auf der einen Seite das Behalten: etwas in sich hineinfressen, etwas schlucken, etwas mit sich herumtragen, es liegt mir auf der Seele, es schnürt mir die Kehle zu. Jedes dieser Bilder verlegt ein Gefühl in ein Organ. Auf der anderen Seite die Entlastung, und die läuft im Deutschen fast ausschließlich über das Sprechen: sich etwas von der Seele reden, sich etwas von der Seele schreiben, sein Herz ausschütten. Selbst das Wort Kummer hat mit Kummerspeck einen körperlichen Nachbarn bekommen.

Dass die Entlastungsbilder sprachlich fast immer an ein Gegenüber gebunden sind, ist bemerkenswert. Man redet sich etwas von der Seele — jemandem. Die Studie von Butler liefert dazu die Gegenprobe: Wenn vor einem Gegenüber gerade nicht gesprochen wird, sondern verborgen, steigt die Anspannung — bei beiden.

Daneben steht die zweite Hälfte derselben Kultur: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Die Sprache hielt immer beides bereit — Zurückhaltung nach außen, Aussprechen im geschützten Raum. Genau diese Beweglichkeit ging in Bonannos Untersuchung mit der besten Anpassung einher: Wer im Labor den Ausdruck sowohl verstärken als auch zurückhalten konnte, berichtete zwei Jahre später von weniger Belastung.

Die Spinnstube: wo früher geredet wurde

Diesen geschützten Raum gab es früher als festen Ort im Dorf. Die Spinnstube — je nach Region auch Rockenstube, Lichtstube, Kunkelstube, Hutzenstube oder Heimgarten — war die abendliche Zusammenkunft, bei der in einer Stube gemeinsam gesponnen und gearbeitet wurde. Der Anlass war handfest: Licht und Feuerholz sparten sich besser gemeinsam. Was dabei entstand, war etwas anderes — Erzählen, Singen, Witze, Klatsch, und zwischendurch das, was einen beschäftigte. Für die Volkskunde gelten diese Stuben als einer der wichtigsten Übertragungswege von Liedern und Märchen überhaupt.

Die Konstruktion ist aus heutiger Sicht klug. Die Hände hatten eine Aufgabe, niemand saß sich gegenüber und musste reden, und gerade deshalb wurde geredet. Das Prinzip kennt jeder, dem im Auto, beim Gemüseschneiden oder unterwegs schon einmal etwas über die Lippen kam, das sich am Küchentisch nie gesagt hätte.

Im 19. Jahrhundert gerieten die Spinnstuben unter Druck. Sie galten als Brutstätten der Unsittlichkeit, wurden bekämpft und mancherorts untersagt. Verschwunden sind sie aber vor allem, weil die Arbeit in die Fabriken wanderte. Was dabei wegfiel, war nicht das Spinnen. Es war ein wöchentlicher, unverabredeter Anlass, bei dem man unter Leuten war, ohne dass daraus ein Termin werden musste.

Wie die chinesische Medizin es deutete

Die klassische chinesische Medizin hatte eine Grundidee, die zur heutigen Prozesssicht gut passt: Ein Gefühl ist keine Lage, sondern eine Bewegung. Im Huangdi Neijing heißt es sinngemäß, Zorn hebe das Qi, Freude entspanne es, Trauer zehre es auf, Furcht ziehe es hinab und anhaltendes Grübeln binde es fest.

Problematisch ist in dieser Logik nicht das Gefühl, sondern sein Stillstand. Dafür gibt es den Begriff yu (鬱) — Stau, Beengung. Der Sinologe und Medizinethnologe Volker Scheid hat nachgezeichnet, dass dieser Begriff ursprünglich das Eindringen äußerer Krankheitsursachen meinte und erst ab dem elften Jahrhundert schrittweise zu einer emotionsbezogenen Störung umgedeutet wurde (Scheid, 2013). Im 14. Jahrhundert beschrieb der Arzt Zhu Danxi sechs Arten von Stau.

Das gehört ausdrücklich in den Rahmen kultureller Deutung. Qi ist kein naturwissenschaftlicher Begriff, und für die klinische Wirksamkeit des Stau-Lösens gibt es keine belastbaren Belege. Als Bild ist die Parallele trotzdem auffällig: Gross beschreibt eine Bewegung, die auf halbem Weg gestoppt wird. Die chinesische Tradition beschrieb dieselbe Bewegung, die im Stau zu Druck wird.

Was Du selbst tun kannst — fünf Schritte

Ein Muster, das über Jahrzehnte eingeübt wurde, löst sich nicht durch einen Vorsatz. Wie weit solche Prägungen zurückreichen, zeigt unser Beitrag zu den Folgen eines Kindheitstraumas im Erwachsenenalter. Was geht: täglich etwas mehr Platz.

1. Genau benennen

Halte drei Sekunden an und vervollständige den Satz: Ich fühle gerade … Sei präzise — nicht schlecht, sondern Enttäuschung, Kränkung, Neid, Ohnmacht. Emotionen benennen ist nicht dasselbe wie sie zeigen; es ist ein stiller Akt — und im Hirnscan geht dabei die Alarmreaktion der Amygdala zurück.

2. Die Adresse im Körper suchen

Frag nach dem Ort: Hals, Brustkorb, Bauch, Kiefer. Versuch nicht, die Spannung sofort wegzubekommen — beschreibe sie zuerst: eng, warm, schwer, zittrig. Oft beginnt die Welle schon nach ein, zwei Minuten zu sinken.

3. Die Mobilisierung abbauen

Der Körper hat sich bereitgemacht und keine Freigabe bekommen. Es hilft alles, was diese Bereitschaft wieder abbaut: zügiges Gehen, die Arme ausschütteln, ein paar Kniebeugen und vor allem Atmen mit verlängerter Ausatmung. Was davon belegt ist, haben wir in Atemübungen zum Entspannen nach Evidenz sortiert.

4. Aufschreiben, was sich nicht sagen lässt

Das von James Pennebaker seit den Achtzigerjahren erforschte expressive Schreiben funktioniert nach einem simplen Protokoll: an drei oder vier aufeinanderfolgenden Tagen jeweils eine knappe Viertelstunde über das, was belastet — ungefiltert, ohne Rücksicht auf Rechtschreibung, ohne Leser. In Übersichtsarbeiten fallen die Effekte klein aus, treten aber über viele Studien hinweg auf. Ein Hinweis gehört dazu: Unmittelbar danach kann die Stimmung kurz absacken. Bei schwerer Traumatisierung ist das keine Übung für den Alleingang.

5. Ein Gegenüber ohne Publikum

Butlers Befund von der anderen Seite gelesen: Das Verbergen vor einem Gegenüber hat einen Preis, den beide bezahlen. Ein offenes Gespräch vermeidet zumindest diesen Preis. Es muss keine Therapeutin und kein Therapeut sein. Ein Satz reicht: Ich brauche keinen Rat, ich möchte nur, dass Du zuhörst.

Zwei Irrwege

Der erste ist der Sprung ins Gegenteil — ab heute sage ich alles. Die Forschung zur Katharsis legt nahe, dass Abreagieren als Gewohnheit, also Schreien oder auf ein Kissen schlagen, Gefühle eher verstärkt. Der zweite ist, Emotionen als Gegner zu sehen, den man loswerden muss. Sie sind Information: Ärger meldet eine Grenze, Trauer einen Verlust, Angst eine Gefahr, Scham ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit.

Der Weg zur Behandlung in Deutschland

Hier wird es konkret — und hier liegt der praktische Unterschied, den viele nicht kennen.

Psychosomatische Beschwerden sind ein ausdrücklicher Anwendungsbereich. Der Gemeinsame Bundesausschuss nennt in der Psychotherapie-Richtlinie somatoforme und dissoziative Störungen ausdrücklich als Indikation — also Krankheitsbilder, bei denen körperliche Beschwerden ohne ausreichenden organischen Befund im Vordergrund stehen (G-BA). Wer mit Verspannung, Kloßgefühl und Erschöpfung kommt und bei dem organisch nichts gefunden wurde, ist damit nicht im falschen Fach — vorausgesetzt, in der Sprechstunde wird eine behandlungsbedürftige Störung festgestellt. Ein unklarer Befund allein ist noch keine Kassenleistung.

Der Einstieg ist die psychotherapeutische Sprechstunde, ohne Überweisung. Für Erwachsene ist sie in Einheiten von mindestens 25 Minuten bis zu sechsmal je Krankheitsfall möglich, insgesamt bis zu 150 Minuten. Wird dort dringender Bedarf festgestellt, kann eine Akutbehandlung direkt beginnen — bis zu 24-mal je Krankheitsfall, insgesamt bis zu 600 Minuten. Zwei Dinge, die man dazu wissen sollte: Die Stunden der Akutbehandlung werden auf das Kontingent einer anschließenden Kurzzeittherapie angerechnet, und findest Du selbst keinen Platz, vermittelt die Terminservicestelle unter 116117 — für eine Akutbehandlung mit einer Wartezeit von höchstens zwei Wochen nach § 75 Absatz 1a SGB V. Dafür brauchst Du den Vermittlungscode, den Du in der Sprechstunde auf dem Formular PTV 11 bekommst.

Es gibt auch einen Weg über die Hausarztpraxis. Die psychosomatische Grundversorgung ist in der Richtlinie eigens geregelt: Primär somatisch orientierte Ärztinnen und Ärzte können verbale Interventionen anwenden sowie Autogenes Training, die Jacobsonsche Relaxationstherapie und Hypnose. Das ist die niedrigschwelligste Tür im ganzen System — und sie liegt genau dort, wo wir in diesem Text ohnehin anfangen würden.

Vor einer Richtlinientherapie stehen probatorische Sitzungen — mindestens zwei, bis zu vier, je 50 Minuten in der Einzelbehandlung. Für die Sprechstunde und für diese Probesitzungen brauchst Du weder eine Überweisung noch einen ärztlichen Bericht. Erst vor Beginn einer Richtlinientherapie bei einer nicht-ärztlichen Psychotherapeutin überweist diese Dich an eine Ärztin oder einen Arzt; nach persönlicher Untersuchung geht das Ergebnis als Konsiliarbericht in den Antrag ein. Er hält körperliche und psychische Befunde fest, dazu laufende Behandlungen und mögliche Gegenanzeigen. Dass das System diese Reihenfolge vorsieht, ist kein Zufall — es ist genau die Reihenfolge, die wir in diesem Text von Anfang an empfehlen.

Was die GKV nicht zahlt. Psychotherapie ist keine Kassenleistung, wenn sie ausschließlich der Erziehungs-, Ehe-, Lebens- und Sexualberatung sowie der Paar- und Familienberatung dient; dafür gibt es Beratungsstellen. Und Leistungen von Heilpraktikerinnen und Heilpraktikern übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung nicht — infrage kommen private Zusatzversicherungen oder die PKV. Die Einzelheiten stehen in Heilpraktiker und Krankenkasse; woran Du Qualifikation erkennst, in Heilpraktiker: Qualifikation erkennen.

Wann reicht Selbsthilfe nicht mehr? Wenn das Muster älter ist als die aktuelle Lage und bei wechselnden Menschen unverändert wiederkehrt. Wenn im Konflikt kein Gefühl einsetzt, sondern Leere. Wenn der Körper sich häufiger meldet als das Gefühl. Dann fehlt kein weiterer Ratgeber, sondern ein Gegenüber.

Häufig gestellte Fragen

Welche körperlichen Symptome deuten auf unterdrückte Gefühle hin?

Am häufigsten: Dauerspannung in Kiefer, Nacken und Schultern, ein Kloßgefühl im Hals ohne Befund, Magendruck oder Übelkeit in sozialen Situationen, flacher Atem im Oberkörper, emotionale Taubheit in beide Richtungen, nicht erholsamer Schlaf mit abendlichem Grübeln und die Schwierigkeit, den eigenen Zustand zu benennen. Für die körperliche Seite gilt weiterhin: erst abklären lassen, dann deuten.

Machen unterdrückte Gefühle krank?

Dauerhaftes Unterdrücken kann belasten. Im Labor erhöht es die Aktivierung des Herz-Kreislauf-Systems, kostet Gedächtnisleistung und hebt den Blutdruck auch beim Gegenüber. Eine zwölfjährige Beobachtungsstudie fand einen Zusammenhang mit höherer Sterblichkeit, allerdings knapp an der Signifikanzgrenze und ohne Ursachennachweis. Einzelne Situationen, in denen man ein Gefühl zurückhält, sind unbedenklich.

Wie bekomme ich unterdrückte Gefühle wieder heraus?

Schrittweise: Gefühle mit präzisen Wörtern benennen, ihren Ort im Körper suchen, die körperliche Bereitschaft über Bewegung und verlängerte Ausatmung abbauen, aufschreiben, was sich nicht sagen lässt, und ein Gegenüber suchen, vor dem Du nichts spielen musst. Bei alten, tief eingeübten Mustern gehört psychotherapeutische Begleitung dazu.

Was ist der Unterschied zwischen Unterdrücken und Verdrängen?

Beim Unterdrücken ist das Gefühl bewusst und wird nur nicht gezeigt oder aktiv weggeschoben. Beim Verdrängen erreicht es das Bewusstsein gar nicht. Die Ausdrucksunterdrückung lässt sich experimentell gut untersuchen; Verdrängung stammt aus der psychoanalytischen Tradition und ist schwer messbar.

Was ist Alexithymie?

Der Begriff geht auf den Psychiater Peter Sifneos zurück, der ihn 1973 prägte. Gemeint ist kein Krankheitsbild, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal: Betroffenen fällt es schwer, das eigene Erleben als Gefühl zu identifizieren und davon zu sprechen; stattdessen dominiert ein sachlicher, nach außen gerichteter Denkstil. Beobachtet wird das auffällig oft zusammen mit psychosomatischen Beschwerden. Gegensteuern lässt sich mit einem größeren Gefühlswortschatz, geschulter Körperwahrnehmung und psychotherapeutischer Begleitung.

Zahlt die gesetzliche Krankenkasse Psychotherapie bei psychosomatischen Beschwerden?

Ja, somatoforme und dissoziative Störungen sind in der Psychotherapie-Richtlinie des G-BA ausdrücklich als Anwendungsbereich genannt — vorausgesetzt, es wird eine behandlungsbedürftige Störung festgestellt. Der Einstieg ist die psychotherapeutische Sprechstunde ohne Überweisung, danach sind Akutbehandlung oder probatorische Sitzungen mit anschließender Richtlinientherapie möglich. Wer die Probesitzungen bei einer psychologischen Psychotherapeutin macht, braucht vor dem Antrag zusätzlich einen ärztlichen Konsiliarbericht.

Wie lange dauert es, bis man einen Therapieplatz bekommt?

Das hängt stark von Region und Verfahren ab; am längsten wird in ländlichen und strukturschwachen Regionen gewartet, während die Therapeutendichte in Berlin, Hamburg, München und Köln am höchsten ist. Gesetzlich geregelt ist die Vermittlung über die Terminservicestelle unter 116117: Für eine notwendige ambulante Akutbehandlung darf die Wartezeit dort zwei Wochen nicht überschreiten, dafür brauchst Du den Vermittlungscode vom Formular PTV 11 aus der Sprechstunde. Unabhängig davon lohnt es sich, mehrere Praxen parallel anzufragen, statt auf eine Zusage zu warten.

Was sagt die chinesische Medizin zu unterdrückten Gefühlen?

In dieser Sichtweise ist eine Emotion eine Bewegung des Qi: Zorn hebt es, Trauer zehrt es auf, Grübeln bindet es fest. Unterdrückung hält die Bewegung an, was als yu, als Stau, beschrieben wurde. Das ist eine kulturelle Deutung mit langer Geschichte, keine naturwissenschaftlich belegte Physiologie.

Quellen

  1. Gemeinsamer Bundesausschuss — Ambulante Psychotherapie
  2. Gross und Levenson (1997) — Hiding feelings
  3. Chapman und Kollegen (2013) — Emotion suppression and mortality risk
  4. Butler und Kollegen (2003) — The social consequences of expressive suppression
  5. Lieberman und Kollegen (2007) — Putting feelings into words
  6. G-BA — Psychotherapie-Richtlinie (Richtlinientext und Fassungen)

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