Sehstörungen durch Stress: welche Diagnose dahintersteckt, warum der Beiname „Stressauge“ mehr behauptet, als die Daten zeigen, und wer was zahlt.

Sehstörungen durch Stress — welcher Befund dahintersteckt und welcher Name in die Irre führt

Es gibt einen Moment, in dem aus einer Ahnung ein Befund wird: wenn der Türrahmen sich leicht biegt. Wenn die Zeile beim Lesen in der Mitte einen Knick bekommt. Wenn ein Gesicht auf einem Auge kleiner wirkt als auf dem anderen. Bis dahin lässt sich vieles auf Müdigkeit schieben — danach nicht mehr.

Sehstörungen durch Stress sind ein Suchbegriff mit enormer Reichweite, und das ist kein Zufall: Kaum ein Symptom wird im Alltag so selbstverständlich der Belastung zugeschrieben wie dieses. Die Augen sind das Organ, das man für Erschöpfung verantwortlich machen kann, ohne krank zu sein. Genau darin liegt das Risiko. Denn hinter dem Sammelbegriff stecken Befunde mit sehr unterschiedlicher Dringlichkeit, und einer davon trägt im Volksmund den Beinamen Managerkrankheit — ein Name, der mehr verspricht, als die Daten belegen.

Dieser Text ordnet deshalb zuerst die Begriffe, dann die Befunde, dann die Dringlichkeit. Er schaut sich die bekannteste stressassoziierte Augenerkrankung so genau an, wie es die Datenlage verlangt — und erklärt am Ende, was die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt und wo sie überraschend schnell aufhört.

Der Sammelbegriff hat eine amtliche Adresse

„Sehstörung“ klingt vage, ist aber im deutschen Abrechnungswesen erstaunlich präzise verortet. Die ICD-10-GM in der Version 2026, Stand 12. September 2025, führt die Gruppe H53.- Sehstörungen, und darunter den Schlüssel H53.1 Subjektive Sehstörungen. Was dort einsortiert ist, liest sich wie eine Inhaltsangabe dieses Textes: Asthenopie, Farbringe um Lichtquellen, Flimmerskotom, Metamorphopsie, Photophobie, plötzlicher Sehverlust, Tagblindheit.

Ein Hinweis zur Einordnung: Dass „plötzlicher Sehverlust“ in dieser Gruppe steht, ist eine Frage der Verschlüsselung, nicht der Dringlichkeit. Er gehört zu den Zeichen, die sofort abgeklärt werden müssen — mehr dazu weiter unten.

Daneben steht H53.4 Gesichtsfelddefekte mit Hemianopsie, konzentrischer Einengung des Gesichtsfeldes, Quadrantenanopsie und den Skotomen — Bjerrum-, bogenförmig, ringförmig, zentral.

Das ist mehr als Bürokratie. Die Aufzählung zeigt, dass alle diese Erlebnisse benannt und unterscheidbar sind. Wer mit „irgendwie verschwommen“ in die Praxis kommt und dort erstmals hört, dass es für genau sein Phänomen ein Wort gibt, hat schon etwas gewonnen: Was benannt ist, lässt sich prüfen.

Die wichtigsten Begriffe im Klartext:

  • Flimmerskotom — ein zackiges, wanderndes Muster mit einer Lücke dahinter. Es dauert meist fünf bis sechzig Minuten und verschwindet vollständig.
  • Metamorphopsie — gerade Linien erscheinen verbogen, Buchstaben verziehen sich. Das ist der Befund, der an die Netzhautmitte denken lässt.
  • Mikropsie und Makropsie — Dinge wirken auf einem Auge kleiner oder größer als auf dem anderen.
  • Asthenopie — Überanstrengung der Augen bei Naharbeit, mit Brennen, Druck und Unschärfe gegen Abend.
  • Photophobie — Lichtempfindlichkeit, die im Migräneumfeld besonders häufig auftritt.

Die Erkrankung, die alle „Stressauge“ nennen

Es gibt eine Augenerkrankung, die seit Jahrzehnten als Paradebeispiel für stressbedingte Sehstörungen gilt: die Chorioretinopathia centralis serosa, kurz CCS. In der ICD-10-GM 2026 steht sie unter H35.7 Abhebung von Netzhautschichten, ausdrücklich als Inklusivum neben der Abhebung des retinalen Pigmentepithels.

Dabei sammelt sich Flüssigkeit unter der Netzhautmitte. Die Folge ist genau das, was oben beschrieben steht: ein Bereich in der Bildmitte, der verzogen, kleiner, grauer oder dunkler wirkt. Betroffene merken es beim Lesen zuerst.

Die gemeinsame Stellungnahme von Berufsverband der Augenärzte, Deutscher Ophthalmologischer Gesellschaft und Retinologischer Gesellschaft, Stand 18. Oktober 2021, nennt die Eckdaten knapp: eine Inzidenz von 1:10.000, überwiegend für Männer im Alter von 30 bis 50 Lebensjahren. Die Spontanremissionsrate der Flüssigkeit liegt demnach bei 68 Prozent innerhalb von vier Monaten und 84 Prozent innerhalb von sechs Monaten nach der Erstdiagnose; in etwa 50 Prozent der Fälle kehrt sie später zurück.

Und nun der Punkt, an dem die Alltagserzählung interessant wird. Dieselbe Stellungnahme führt die Risikofaktoren mit Zahlen auf, aus einer Metaanalyse von Liu und Mitarbeitenden von 2016. An der Spitze steht eine systemische oder lokale Kortikosteroid-Therapie mit einem Odds Ratio von 4,2 (Konfidenzintervall 2,0 bis 9,1), danach Autoimmunerkrankungen (3,4), eine Helicobacter-pylori-Infektion (3,1), die Einnahme von Psychopharmaka (2,6) — und erst dann, mit 2,5 bei einem Konfidenzintervall von 1,0 bis 5,9, die vielzitierte Typ-A-Persönlichkeit. Ein Intervall, das die 1,0 berührt, ist gerade noch ein Signal und sicher kein starkes.

Psychologischer Stress steht in der Stellungnahme nicht in dieser Tabelle, sondern im Fließtext: Er wird mit der Entstehung einer CCS „assoziiert“. Direkt danach folgt der Satz, auf den es ankommt — psychosozialer Stress könne zu Schlafstörungen, Reflux oder Magengeschwüren führen, die ihrerseits alle mit der CCS assoziiert sind, und stelle damit womöglich eher ein Epiphänomen als einen unabhängigen Risikofaktor dar.

Das sind außerdem durchweg Beobachtungsdaten. Auch das Kortison ist damit ein belegter Zusammenhang, kein bewiesener Mechanismus.

Was eine Freiburger Studie über den Stressanteil herausfand

2024 hat eine Arbeitsgruppe am Universitäts-Augenzentrum Freiburg genau nachgemessen, statt die Vermutung weiterzureichen. Die Studie von Hufnagel, Lahmann, Agostini und Kollegen erschien in BMC Ophthalmology (2024;24:92) als längsschnittliche Fall-Kontroll-Studie: 65 Menschen mit CCS, 19 gesunde Kontrollpersonen und — das ist der entscheidende Kniff — 19 Menschen mit einem Venenastverschluss der Netzhaut, also einer anderen Augenerkrankung mit ähnlichem Sehverlust. Erhoben wurde zu Beginn sowie nach drei und sechs Monaten mit PHQ-Stress, PHQ-9 und GAD-7.

Das Ergebnis in drei Zeilen:

  • Menschen mit CCS hatten zu Beginn höhere Stresswerte als Gesunde (Median 5 gegenüber 2, p = 0,009).
  • Sie unterschieden sich aber nicht von den Menschen mit Venenastverschluss (p = 1,00) — die ebenfalls höher lagen als die Gesunden. Bei nur 19 Personen in dieser Gruppe lässt sich ein kleinerer Unterschied allerdings nicht ausschließen.
  • Nach drei und sechs Monaten war kein Gruppenunterschied mehr nachweisbar, weder bei Stress noch bei Depression oder Angst.

Die Autorinnen und Autoren ziehen daraus den naheliegenden Schluss: Der erhöhte Stress ist eher Folge der Sehverschlechterung als ihre Ursache. Wer plötzlich in der Bildmitte schlechter sieht, ist belastet — unabhängig davon, welche Diagnose dahintersteht.

Zur Fairness gehören die Grenzen, die die Gruppe selbst benennt: Die Kontroll- und Vergleichsgruppen waren klein und nicht vollständig gematcht, die Patienten kamen an eine Spezialklinik und hatten dadurch wohl längere Beschwerdedauern, und psychiatrische Vordiagnosen könnten untererfasst sein. Es ist eine Studie, keine Entscheidung. Aber sie ist der sauberste verfügbare Versuch, Ursache und Folge auseinanderzuhalten — und sie fällt gegen die populäre Lesart aus.

Was bleibt davon im Alltag? Eine Einsicht, die unbequem klingt und entlastend ist: Nicht jede Sehstörung in einer schweren Lebensphase ist von dieser Lebensphase gemacht. Manchmal ist sie nur gleichzeitig da. Und das ist ein Grund mehr, sie untersuchen zu lassen, statt sie wegzuerklären.

Wann es keine Frage der Terminvergabe mehr ist

Die allermeisten Sehstörungen sind harmlos. Die wenigen, die es nicht sind, zeigen meist Warnzeichen — manche treten aber ohne jede Vorwarnung auf. Deshalb gilt die folgende Liste unabhängig davon, wie es vorher war. Dieser Abschnitt ist der wichtigste des ganzen Textes.

Zur Einordnung der Seltenheit: Die IQWiG-Gesundheitsinformation, erstellt am 28. Februar 2024, gibt an, dass sich in Mitteleuropa jährlich „bei etwa 10 bis 25 von 100.000 Menschen die Netzhaut eines Auges ablöst“. Bis zum 85. Lebensjahr bekommen laut derselben Quelle etwa 3 von 100 Menschen eine Netzhautablösung. Hat sich die Netzhaut auf einem Auge gelöst, passiert das bei bis zu 20 von 100 Menschen später auch am anderen Auge. Als Risikofaktoren nennt die Seite mittelstarke bis starke Kurzsichtigkeit, Netzhautablösungen in der Familie, frühere Augenoperationen, Verletzungen und die diabetische Netzhauterkrankung.

Berlin, 1866: als der Gründervater sich irrte

Die Geschichte der CCS beginnt mit einem Mann, dessen Name bis heute über der deutschen Augenheilkunde steht — und mit einem Irrtum.

Albrecht von Graefe (1828-1870) eröffnete laut der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft am 1. November 1851 seine private Augenklinik in Berlin. Drei Jahre später, 1854, gründete er das Archiv für Ophthalmologie, nach Darstellung der Fachgesellschaft die erste augenärztliche Zeitschrift der Welt, die bis heute existiert. 1857 traf er sich vom 3. bis 5. September in Heidelberg mit elf Gleichgesinnten — das Treffen gilt seit der Nachkriegszeit als Gründung der Gesellschaft; bis 1940 wurde der 5. September 1863 als Gründungsdatum geführt, der Tag, an dem die von Graefe entworfenen Statuten angenommen wurden. Er starb am 20. Juli 1870 in Berlin an Tuberkulose, einen Tag nach Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges.

1866 beschrieb von Graefe erstmals das Krankheitsbild, das heute Chorioretinopathia centralis serosa heißt. Er nannte es nach Darstellung der von der American Academy of Ophthalmology betriebenen EyeWiki eine wiederkehrende zentrale Netzhautentzündung luetischer, also syphilitischer Herkunft. Das war falsch. Den heutigen Namen prägten Gass und Mitarbeiter erst 1967, zusammen mit der bis heute tragenden Vorstellung, dass eine gesteigerte Durchlässigkeit der Aderhautgefäße Flüssigkeit unter die Netzhaut treten lässt.

Hundertein Jahre zwischen der ersten Beschreibung und dem brauchbaren Erklärungsmodell — und sechzig weitere, in denen die Rolle des Stresses weiter diskutiert wird. Wer sich über die heutige Unschärfe ärgert, hat Grund dazu. Wer daraus schließt, man könne es auch gleich lassen, verkennt, wie der Fortschritt hier aussieht: langsam, und trotzdem in eine Richtung.

Was die Kasse trägt — und wo sie aufhört

Die augenärztliche Untersuchung bei einer neuen Sehstörung ist Behandlungsfall und damit Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung; Spaltlampe, Augenhintergrund und Gesichtsfeld gehören dazu. Für die Untersuchung selbst fällt keine Zuzahlung an — § 61 SGB V betrifft Arznei- und Hilfsmittel, Heilmittel, Fahrkosten und Krankenhaustage, dort mit zehn Prozent, mindestens fünf und höchstens zehn Euro, im Krankenhaus zehn Euro je Kalendertag. Anders liegt es bei apparativen Zusatzuntersuchungen: Welche Bildgebung der Netzhautmitte die Kasse im konkreten Fall trägt und welche als Selbstzahlerleistung angeboten wird, hängt von der Indikation ab. Frag vor dem Termin nach, was abgerechnet wird.

Interessanter wird es bei der Behandlung. Die Stellungnahme der drei Fachgesellschaften ist hier bemerkenswert zurückhaltend: Wegen der guten Spontanremission soll in den ersten vier Monaten einer akuten CCS „nur ein Beobachten ohne Therapie erfolgen“, es sei denn, es liegt eine Gefäßneubildung unter der Netzhaut vor. Erst wenn die Flüssigkeit länger als vier Monate bleibt und keine Rückbildungstendenz zeigt, sind Therapieoptionen zu prüfen — die photodynamische Therapie mit Verteporfin kann dann bei diffusen Leckagearealen im „half-dose“- oder „half-fluence“-Modus eingesetzt werden, solitäre Quellpunkte können gelasert werden. Die Freiburger Übersichtsarbeit von Pauleikhoff, Agostini und Lange hält dazu fest, dass die photodynamische Therapie hier off label erfolgt, also außerhalb der Zulassung des Medikaments.

Das ist kein Formalismus, sondern eine Kostenfrage. Für eine Leistung außerhalb des allgemein anerkannten Standes der medizinischen Erkenntnisse öffnet § 2 Abs. 1a SGB V eine Tür, aber eine enge: Sie gilt für Versicherte „mit einer lebensbedrohlichen oder regelmäßig tödlichen Erkrankung“ oder „mit einer zumindest wertungsmäßig vergleichbaren Erkrankung“, für die eine dem Standard entsprechende Leistung nicht zur Verfügung steht. Die dort vorgesehene Kostenübernahmeerklärung vor Behandlungsbeginn, die Versicherte „oder behandelnde Leistungserbringer“ beantragen können, betrifft ausschließlich diese Fälle. Eine CCS ist belastend, aber nicht lebensbedrohlich — dieser besondere Weg steht hier im Regelfall also nicht offen.

Praktisch bleibt der gewöhnliche: ein schriftlicher Antrag auf Kostenübernahme bei der Kasse, vor Behandlungsbeginn, mit ärztlicher Begründung. Das Entscheidende daran ist nicht die Paragrafennummer, sondern der Zeitpunkt.

Für Arzneimittel gibt es daneben einen geordneten Weg: § 35c SGB V regelt die zulassungsüberschreitende Anwendung und sieht vor, dass das Bundesgesundheitsministerium „Expertengruppen beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte“ beruft, deren Bewertungen dem Gemeinsamen Bundesausschuss als Empfehlung zugeleitet werden.

Was die Kasse nicht trägt: Heilpraktikerleistungen. Die gesetzliche Krankenversicherung zahlt sie grundsätzlich nicht; wer sie in Anspruch nimmt, zahlt selbst oder über eine private Zusatzversicherung. Die Einzelheiten stehen im Text über Heilpraktiker und Krankenkasse: was GKV und PKV zahlen.

Fünf Räder: wie die chinesische Medizin das Auge einteilte

In der chinesischen Medizin gibt es für das Auge ein eigenes Ordnungsschema, die Fünf-Rad-Lehre — 五轮, wǔ lún. Sie teilt das Auge in fünf Zonen und ordnet jede einem Funktionskreis zu: die Lider dem Fleischrad und damit der Milz, die Augenwinkel und ihre Gefäße dem Blutrad und dem Herzen, das Weiße dem Qi-Rad und der Lunge, die Hornhaut und Iris dem Windrad und der Leber, die Pupille dem Wasserrad und der Niere.

Interessant ist daran weniger die Zuordnung als die zugrunde liegende Haltung: Das Auge wurde nicht als isoliertes Sehgerät betrachtet, sondern als Ort, an dem sich der Zustand des ganzen Systems ablesen lässt. Ein Befund am Auge war in dieser Lesart immer auch eine Aussage über etwas anderes.

Das ist eine Deutungstradition, keine Erklärung — und sie beschreibt sichtbare Oberflächen, nicht die Netzhaut, die man ohne Augenspiegel gar nicht sehen konnte. Dass ausgerechnet die moderne Augenheilkunde heute am Augenhintergrund Blutdruck, Diabetes und Gefäßzustand abliest, ist eine hübsche Parallele. Sie macht die alte Einteilung nicht richtig, und die neue Technik macht sie nicht überflüssig: Beides sind Beschreibungen, die unabhängig voneinander entstanden sind.

Was Du jetzt tun kannst

Die Grenze verläuft dort, wo Selbsthilfe eine Untersuchung ersetzen soll. Ein neuer einseitiger Befund gehört zum Augenarzt, nicht in ein Entspannungsprogramm. Wer das Thema in einem größeren Bild sehen will, findet in den Texten über Kopfschmerzen durch Stress und Schwindel durch Stress die angrenzenden Fragen; zuckt zusätzlich das Lid, gehört das zum Lidzucken und nicht zum Sehen. Wenn die Anspannung breiter liegt, hilft der Beitrag über ständige Anspannung im Körper ohne Medikamente lösen weiter.

Wenn die Belastung dahinter das eigentliche Thema ist

Es kann sein, dass der Augenbefund am Ende der kleinere Teil ist. Wenn die Anspannung seit Monaten trägt, wenn Schlaf und Antrieb mitgehen, wenn die Gedanken dunkler werden, dann reicht ein Sehtest nicht.

Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 sowie unter 116 123 erreichbar; der Anruf ist nach Angabe des Trägers kostenfrei und das Angebot Tag und Nacht besetzt. Für Kinder und Jugendliche gibt es die 116 111 der Nummer gegen Kummer — ein eigenständiges Angebot eines anderen Trägers. In akuter Gefahr gilt die 112.

Häufig gestellte Fragen

Können Sehstörungen wirklich durch Stress entstehen?

Belastung und Augenbefunde treten häufig gemeinsam auf, die Richtung des Zusammenhangs ist aber weniger klar als gedacht. Die Freiburger Fall-Kontroll-Studie von 2024 fand bei Menschen mit Chorioretinopathia centralis serosa zwar höhere Stresswerte als bei Gesunden, aber keine Unterschiede gegenüber Menschen mit einer anderen Netzhauterkrankung — und nach drei und sechs Monaten verschwanden die Unterschiede ganz. Die Autoren deuten den Stress deshalb eher als Folge des Sehverlusts.

Was ist die Chorioretinopathia centralis serosa?

Eine Flüssigkeitsansammlung unter der Netzhautmitte, in der ICD-10-GM 2026 unter H35.7 geführt. Typisch sind verzogene Linien, ein grauer oder dunkler Fleck in der Bildmitte und Objekte, die auf einem Auge kleiner wirken. Die Fachgesellschaften geben eine Häufigkeit von 1:10.000 an, überwiegend bei Männern zwischen 30 und 50 Jahren.

Ist die Erkrankung gefährlich?

Die Flüssigkeit bildet sich laut Stellungnahme der Fachgesellschaften bei 68 Prozent innerhalb von vier und bei 84 Prozent innerhalb von sechs Monaten von selbst zurück. Problematisch ist der chronische Verlauf mit wiederholten Schüben, weil dabei Sinneszellen und Pigmentepithel dauerhaft Schaden nehmen können; in etwa 50 Prozent der Fälle kehrt die Flüssigkeit zurück.

Kann Kortison Sehstörungen auslösen?

In der Risikofaktorenliste der deutschen Fachgesellschaften steht eine systemische oder lokale Kortikosteroid-Therapie mit einem Odds Ratio von 4,2 an erster Stelle — deutlich vor der Typ-A-Persönlichkeit mit 2,5. Das sind Beobachtungsdaten, also ein Zusammenhang und kein Beweis. Wer sie anwendet und neu verzerrt oder zentral unscharf sieht, sollte das abklären lassen — aber das Mittel nicht eigenmächtig absetzen.

Wann muss ich mit einer Sehstörung sofort zum Arzt?

Sofort über 112 bei plötzlichem einseitigem Sehverlust, bei Sehstörung mit Lähmung, Taubheit oder Sprachstörung, bei plötzlichen Doppelbildern, bei schlagartigem neuartigem Kopfschmerz und bei rotem, schmerzendem Auge mit Übelkeit. Am selben Tag zum Augenarzt bei neuen Lichtblitzen, Rußregen, einem Schatten von außen oder neu verzogenen Linien.

Wie häufig ist eine Netzhautablösung?

Die IQWiG-Gesundheitsinformation gibt für Mitteleuropa etwa 10 bis 25 Fälle pro 100.000 Menschen und Jahr an. Hat sich die Netzhaut einmal gelöst, geschieht das bei bis zu 20 von 100 Menschen später auch am zweiten Auge.

Zahlt die Krankenkasse die Untersuchung und die Behandlung?

Die augenärztliche Abklärung bei einer neuen Sehstörung ist Leistung der GKV. Für die Untersuchung selbst fällt keine Zuzahlung an. Bei der photodynamischen Therapie der chronischen Form liegt der Fall anders: Sie erfolgt off label, und der Sonderweg des § 2 Abs. 1a SGB V greift nur bei lebensbedrohlichen oder wertungsmäßig vergleichbaren Erkrankungen. In der Praxis läuft es deshalb über einen schriftlichen Antrag auf Kostenübernahme vor Beginn der Behandlung.

Helfen Nahrungsergänzungsmittel gegen stressbedingte Sehstörungen?

Dafür gibt es keine belastbare Grundlage. Für die akute Form sehen die Fachgesellschaften in den ersten vier Monaten ausdrücklich nur Beobachten ohne Therapie vor; Mineralokortikoid-Antagonisten „sollten nicht eingesetzt werden“.

Was am Ende bleibt

Die Augen sind das Organ, dem man am leichtesten Erschöpfung zuschreibt — und genau deshalb dasjenige, bei dem sich dieser Reflex am teuersten rächen kann. Zwischen „zu viel Bildschirm“ und „Netzhaut löst sich ab“ liegen Welten, aber das erste Gefühl ist dasselbe: Es ist verschwommen, es wird schon wieder weggehen.

Die Unterscheidung ist nicht kompliziert. Ein Phänomen, das beide Augen gleich betrifft, langsam wandert und vollständig verschwindet, verhält sich anders als ein einseitiger Befund, der bleibt. Verzogene Linien sind kein Müdigkeitszeichen. Blitze mit Schatten sind kein Fall für den nächsten freien Termin.

Und wenn alles untersucht und in Ordnung ist, bleibt die ehrlichere Frage: Was läuft seit Monaten zu lange zu viel. Die Freiburger Daten legen nahe, dass die Belastung nicht immer der Anfang der Geschichte ist. Ein wichtiger Teil davon ist sie trotzdem.

Quellen

  1. BfArM — ICD-10-GM Version 2026, Sehstörungen und Blindheit (H53-H54)
  2. BfArM — ICD-10-GM Version 2026, Affektionen der Aderhaut und der Netzhaut (H30-H36)
  3. IQWiG, gesundheitsinformation.de — Netzhautablösung
  4. DOG — Stellungnahme von DOG, RG und BVA zur Chorioretinopathia centralis serosa (Dezember 2021)
  5. Hufnagel u. a., BMC Ophthalmology 2024;24:92 — psychometrische Untersuchung bei CCS
  6. § 2 SGB V — Leistungen
  7. § 35c SGB V — Zulassungsüberschreitende Anwendung von Arzneimitteln
  8. BVA, DOG und Retinologische Gesellschaft — Stellungnahme Chorioretinopathia centralis serosa, Stand 18. Oktober 2021
  9. Pauleikhoff, Agostini, Lange — Chorioretinopathia centralis serosa, Der Ophthalmologe 2021
  10. EyeWiki (American Academy of Ophthalmology) — Central Serous Chorioretinopathy
  11. DOG — Albrecht von Graefe und die Geschichte der Augenheilkunde

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