Herzrasen Stress ist meist harmlos, aber nicht immer. 7 Ursachen, die Warnzeichen für den Notruf 144 und was die Abklärung in der Schweiz kostet.

Herzrasen Stress — diese Wortkombination tippen Menschen meistens spätabends ins Handy, mit der freien Hand am Hals, weil sie gerade den eigenen Puls zählen. Das Herz schlägt schnell, obwohl niemand gerannt ist. Es klopft bis in den Hals hinauf. Manchmal setzt es kurz aus, dann kommt ein Schlag, der sich anfühlt wie ein Tritt von innen gegen die Rippen.

Die erste Reaktion darauf ist fast immer Angst, die zweite fast immer Scham über die Angst. Beides ist verständlich, und beides hilft nicht weiter. Dieser Text macht etwas anderes: Er sortiert, was stressbedingt am Herzen tatsächlich geschieht, welche Warnzeichen keinen Aufschub dulden, was eine Abklärung in der Schweiz kostet und was du danach selbst tun kannst.

Ein Satz gehört an den Anfang, nicht ans Ende: «Das sind nur die Nerven» ist eine Diagnose, die man sich erarbeiten muss, und keine, die man voraussetzt. Alles, was hier über Atem, Körperarbeit und Kräuter steht, ist komplementär und nicht alternativ. Bei Beschwerden am Herzen ist die Hausarztpraxis die erste Instanz.

Was im Körper geschieht, wenn das Herz rast

Den Takt gibt der Sinusknoten vor, ein kleines Bündel Zellen über dem rechten Vorhof. Die Schweizerische Herzstiftung beschreibt ihn in ihrer Patientenbroschüre «Herzrhythmusstörungen» (6. Auflage, Juni 2024, erarbeitet mit der Schweizerischen Gesellschaft für Kardiologie) als Dirigenten des Herzens. Im Ruhezustand liegt der Puls bei 60 bis 100 Schlägen pro Minute, bei trainierten Menschen oft nur bei 40 bis 45. Unter höchster Belastung sind kurzzeitig 150 bis 180 möglich. Und — das ist der Satz, der vielen Lesenden Ruhe gibt — schon Fieber oder psychische Anspannung bringen den Puls auf 100.

Der Rhythmus ist also keine feste Grösse. Er ist ein Regler, der auf innere und äussere Einflüsse reagiert.

Daneben steht das Gefühl von Herzstolpern, das viele mit rasendem Puls in einen Topf werfen. Dahinter stecken meist Extrasystolen: zusätzliche Schläge, die etwas zu früh kommen. PD Dr. Alexander Breitenstein vom Universitären Herzzentrum Zürich erklärt den Mechanismus im Dossier der Herzstiftung sehr anschaulich. Nach dem verfrühten Schlag entsteht eine kurze Pause. In dieser Pause haben die Herzkammern mehr Zeit, sich mit Blut zu füllen. Der nächste reguläre Schlag wirft entsprechend mehr Blut aus — und genau diesen spürt man als Stoss gegen die Brust.

Nicht das Stolpern ist also laut. Laut ist der völlig normale Schlag danach.

7 Ursachen für Herzrasen — stressbedingte und andere

1. Die Akutreaktion: Adrenalin

Der einfachste Fall. Eine schwierige Sitzung, eine Nachricht, ein Beinahe-Unfall im Verkehr: Das sympathische Nervensystem aktiviert das Nebennierenmark, Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet, das Herz schlägt schneller und kräftiger. Evolutionär ist das eine Vorbereitung auf Flucht oder Kampf, und es ist Physiologie, keine Krankheit. Erkennungsmerkmal: Es beginnt mit einem Auslöser und klingt nach ihm wieder ab.

2. Angst, Panikattacken und die Rückkopplung

Wird aus der Episode ein Zustand, reagiert der Körper irgendwann auf die blosse Vorstellung von Gefahr. Eine Panikattacke ist eine plötzliche Angstwelle mit schnellem Herzschlag, Atemnot, Zittern und Entfremdungsgefühl, die innert Minuten ihren Höhepunkt erreicht. Weil der rasende Puls dann selbst zum Auslöser der nächsten Welle wird, entsteht eine Schleife, die sich aus sich selbst speist.

Wie häufig das ist, zeigt eine klassische Untersuchung: Weber und Kapoor begleiteten 190 Personen, die sich an einem Universitätsspital wegen Palpitationen meldeten (Am J Med 1996). Eine Ursache liess sich bei 84 Prozent bestimmen. Sie war bei 43 Prozent kardial, bei 31 Prozent psychiatrisch und bei 10 Prozent anderweitig bedingt; 16 Prozent blieben ungeklärt. Bei knapp einem Drittel standen also Angst, Panik oder etwas Verwandtes dahinter. Bemerkenswert ist ein zweiter Befund derselben Arbeit: Innerhalb eines Jahres erlebten 75 Prozent der Betroffenen erneut Beschwerden. Wiederkehr ist bei diesem Symptom also häufig — sie macht die Abklärung aber nicht überflüssig, sondern wichtiger, weil erst eine Aufzeichnung während einer Episode zeigt, was dahintersteckt.

3. Extrasystolen, die fast alle haben

Einzelne zusätzliche Schläge aus den Vorhöfen kommen laut der Herzstiftung bei allen gesunden Menschen vor und sind oft harmlos. Eine Behandlung braucht es meist nicht. Was hilft, ist unspektakulär: auf Alkohol verzichten, Stress und schwere Mahlzeiten meiden und Abführmittel nicht dauerhaft einnehmen, weil der damit verbundene Kaliumverlust Extraschläge begünstigt. Extrasystolen aus den Herzkammern wiederum werden durch Stress, psychische Anspannung, Störungen im Mineralsalzhaushalt oder Fieber begünstigt.

4. Koffein, Alkohol, Nikotin und Medikamente

Kaffee, Energydrinks, starker Schwarztee, Zigaretten und E-Zigaretten gehören dazu, Alkohol besonders am Tag danach. Dazu einige Medikamente: Erkältungsmittel mit Pseudoephedrin, Asthmasprays, eine zu hoch dosierte Schilddrüsenhormontherapie, Präparate zum Abnehmen, Pulver «für mehr Energie». Wenn der rasende Puls nach einem neuen Medikament begonnen hat, gehört das in die Sprechstunde — und nicht in einen Selbstversuch mit Absetzen.

5. Schilddrüse, Blutarmut, Zucker, Elektrolyte

Hier beginnen die Ursachen ausserhalb des Herzens, und die meisten davon findet eine einfache Blutentnahme. Eine Überfunktion der Schilddrüse beschleunigt den gesamten Stoffwechsel und bringt schnellen Puls, Gewichtsverlust, zitternde Hände und Hitzeempfindlichkeit mit sich. Bei Blutarmut muss das Herz schneller pumpen, um gleich viel Sauerstoff zu liefern. Austrocknung, Fieber, eine Unterzuckerung, vor allem bei Diabetes oder ein Mangel an Kalium und Magnesium können dasselbe auslösen.

6. Hormone: Zyklus, Schwangerschaft, Wechseljahre

Viele Frauen bemerken Herzklopfen vor der Monatsblutung, in der Schwangerschaft, wenn Blutvolumen und Herzarbeit steigen, und in den Wechseljahren, oft zusammen mit Hitzewallungen und nächtlichem Erwachen. Das ist häufig und meistens harmlos. Es ist allerdings auch die Konstellation, in der am schnellsten das falsche Etikett klebt — siehe Punkt sieben.

7. Rhythmusstörungen, die sich wie Panik anfühlen

Der wichtigste Punkt dieses Textes. Bei der paroxysmalen, also anfallsartigen Tachykardie beginnt das Herz nach der Beschreibung der Herzstiftung «von einer Sekunde auf die andere» sehr schnell zu schlagen. Ein Anfall dauert Sekunden oder Stunden und verschwindet so abrupt, wie er gekommen ist. Danach fühlen sich Betroffene erschöpft. Lebensbedrohlich ist diese Form selten, abklären sollte man sie trotzdem.

Daneben steht das Vorhofflimmern, die häufigste ernst zu nehmende Rhythmusstörung. Dabei entsteht in den Vorhöfen ein elektrisches Gewitter: Sie schlagen nach Darstellung des Universitären Herzzentrums Zürich 300- bis 600-mal pro Minute und geben diese Unregelmässigkeit an die Kammern weiter. Typisch ist deshalb ein Puls, der nicht nur schnell, sondern vor allem unregelmässig ist. Oft tritt Vorhofflimmern zunächst nur episodisch auf und hört von selbst wieder auf — und genau das macht es tückisch. Denn im flimmernden Vorhof fliesst das Blut langsamer, es kann sich ein Gerinnsel bilden, und löst sich dieses, droht ein Hirnschlag. Ob jemand eine vorbeugende Gerinnungshemmung braucht, entscheidet das individuelle Risikoprofil, nicht die Stärke der Beschwerden. Darum lohnt es sich, gelegentlich den eigenen Puls zu fühlen: Ein anhaltend unregelmässiger Puls gehört abgeklärt, auch wenn er sich nicht dramatisch anfühlt.

Von aussen sieht ein Tachykardie-Anfall aus wie eine Panikattacke. Wie oft er auch dafür gehalten wird, hat die Arbeitsgruppe um Lessmeier an 107 Personen mit gesicherter Reentry-Tachykardie untersucht (Arch Intern Med 1997). 67 Prozent von ihnen erfüllten formal die damaligen Kriterien einer Panikstörung. Bei 59 Personen, also 55 Prozent, blieb die Rhythmusstörung nach der ersten ärztlichen Beurteilung unerkannt, im Median 3,3 Jahre lang. Bei 32 dieser 59 hatten Ärztinnen und Ärzte ausserhalb der Psychiatrie die Beschwerden Panik, Angst oder Stress zugeschrieben. Frauen traf das deutlich häufiger als Männer: 65 gegenüber 32 Prozent.

Die Schlussfolgerung daraus ist nicht Misstrauen gegenüber der Medizin. Sie lautet: Wenn dein Herzrasen schlagartig beginnt und schlagartig aufhört, sehr schnell ist und nicht zur Situation passt, beschreibe genau das — und bitte um ein EKG während der Beschwerden. Angst und Rhythmusstörung schliessen einander ausserdem nicht aus. Es kann beides zugleich sein.

Warum du es abends auf dem Sofa spürst und auf der Wanderung nicht

Diese Beobachtung machen fast alle, und sie hat zwei gute Gründe. Breitenstein nennt beide: Extraschläge nehmen bei körperlicher Aktivität tendenziell ab, weil ein schneller Grundrhythmus ihnen weniger Raum lässt. Und in Ruhe fehlt die Ablenkung, die sie tagsüber überdeckt. Deshalb ist Herzrasen nachts für viele Menschen deutlich präsenter als am Mittag.

Dazu kommt die Wahrnehmung selbst. Zwischen dem, was das Herz tut, und dem, was ein Mensch davon merkt, liegt ein erstaunlich loser Zusammenhang: Viele Rhythmusstörungen werden überhaupt nicht bemerkt, während ausgeprägtes Herzklopfen oft mit völlig regelmässigem Rhythmus einhergeht. Das Gehirn bewertet die Signale aus dem Körperinneren, und diese Bewertung kann sich verschieben. Wer einmal gelernt hat, dass vom Herzen Gefahr ausgeht, hört ab dann hin.

Deshalb ist das Ziel einer guten Begleitung auch nicht, das Herz nicht mehr zu spüren. Das Ziel ist, dass seine Schwankung aufhört, als Alarm gelesen zu werden. Welche Rolle der Vagusnerv als Bremse dabei spielt, beschreiben wir in Vagusnerv stimulieren — was wirkt.

Was die Abklärung in der Schweiz kostet — und warum das ein Problem ist

Hier wird es schweizspezifisch: Franchise und Selbstbehalt in dieser Form gibt es nur hier, und sie verändern das Verhalten der Betroffenen messbar.

Das Bundesamt für Gesundheit beziffert die Kostenbeteiligung in der Grundversicherung so: ordentliche Franchise von 300 Franken pro Jahr, danach ein Selbstbehalt von 10 Prozent auf alles, was darüber liegt, gedeckelt bei 700 Franken jährlich. Für eine erwachsene Person mit der ordentlichen Franchise ergibt das eine maximale Kostenbeteiligung von 1000 Franken im Kalenderjahr. Wer eine Wahlfranchise von 500, 1000, 1500, 2000 oder 2500 Franken gewählt hat, spart jeden Monat Prämie — und bezahlt im Jahr der Abklärung entsprechend mehr aus der eigenen Tasche (Stand der BAG-Seite am 14. Oktober 2026).

Daraus entsteht ein sehr praktisches Risiko, über das selten jemand schreibt: Menschen mit hoher Wahlfranchise schieben die erste Abklärung auf. «Ich warte noch bis im Januar» ist in Schweizer Hausarztpraxen ein bekannter Satz. Bei Beschwerden am Herzen ist er die falsche Rechnung. Ein Ruhe-EKG und eine Blutentnahme sind günstig gemessen an dem, was die Monate des Nichtwissens kosten — an Lebensqualität und, bei den wenigen ernsten Ursachen, an Zeit.

Für die Abklärung selbst steht in diesem Land das ganze Instrumentarium bereit: das Ruhe-EKG als erste und wichtigste Untersuchung, das Langzeit-EKG in der Regel über 24 Stunden bis 7 Tage, EKG-Patches mit Aufzeichnungszeiten von 2 bis 4 Wochen, das Belastungs-EKG bei Beschwerden unter Anstrengung, bildgebende Verfahren und, wenn nötig, die elektrophysiologische Abklärung im Katheterlabor. Auch Smartwatches und mobile EKG-Geräte erwähnt die Herzstiftung ausdrücklich: Sie können den Moment festhalten, den keine Praxis erwischt.

Was die Grundversicherung bei Stress am Herzen übernimmt

Drei Ebenen, drei verschiedene Antworten.

Die kardiologische Abklärung ist Pflichtleistung der obligatorischen Krankenpflegeversicherung. Du trägst sie über Franchise und Selbstbehalt mit, aber sie steht dir zu.

Psychologische Psychotherapie läuft seit dem 1. Juli 2022 über das Anordnungsmodell. Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten arbeiten selbständig und auf eigene Rechnung zulasten der Grundversicherung, sofern eine ärztliche Anordnung vorliegt. Pro Anordnung sind nach Artikel 11b Absatz 2 KLV maximal 15 Sitzungen möglich; danach braucht es einen Informationsaustausch zwischen anordnender und behandelnder Fachperson für höchstens 15 weitere. Nach kumuliert 30 Sitzungen ist eine Kostengutsprache des Versicherers nötig. Praktische Ärztinnen und Ärzte dürfen nur Krisenintervention oder Kurztherapie anordnen, einmalig für maximal 10 Sitzungen (Stand der BAG-Seite am 14. Oktober 2026). Für jemanden, dessen Beschwerden eindeutig von einer Angststörung getragen werden, ist das der geregelte Weg.

KomplementärTherapie — Craniosacral, Shiatsu, Atemtherapie und verwandte Methoden — ist dagegen Sache der Zusatzversicherung. Nicht zu verwechseln mit ärztlich erbrachter Komplementärmedizin: Einzelne dieser Leistungen zahlt die Grundversicherung unter definierten Bedingungen, wenn eine Ärztin mit entsprechendem Weiterbildungstitel sie erbringt. Und dort entscheidet in aller Regel nicht die Methode über die Rückerstattung, sondern die Registrierung der Fachperson beim EMR oder bei der ASCA. Wer das vor der ersten Sitzung klärt statt nach der zehnten, erspart sich eine teure Enttäuschung. Die Details stehen in Komplementärmedizin — was zahlt die Krankenkasse und in EMR und ASCA — der Unterschied.

Wie die chinesische Medizin das Herz las

Die chinesische Medizin hatte für Herzklopfen einen eigenen Begriff: xin ji (心悸), wörtlich etwa «Unruhe des Herzens». Bemerkenswert ist, dass sie zwei Formen unterschied. Jing ji meinte das Klopfen nach einem Schreck, einem plötzlichen Reiz, einer schlechten Nachricht. Zheng chong stand für das schwerere, hartnäckige Klopfen ohne erkennbaren Anlass.

Diese Unterscheidung liegt auffällig nahe an der ersten Frage jeder Kardiologin: Kommt das als Reaktion auf etwas, oder kommt es von selbst?

In der Sicht der TCM war das Herz zudem nicht nur eine Pumpe, sondern Sitz des shen — dessen, was wir heute ungefähr als Bewusstsein und Gemütszustand beschreiben würden. Ein unruhiger shen bedeutete unruhigen Rhythmus, schlechten Schlaf, Schreckhaftigkeit, intensive Träume. Die Tradition las im Klopfen ein Zeichen dafür, dass Kopf und Körper ihre gemeinsame Verankerung verloren hatten.

Das ist Deutungsrahmen und Kulturgeschichte, kein klinischer Befund. Die Sprache der TCM kann dir helfen, den Zusammenhang zwischen Gefühlslage und Herz überhaupt zu denken. Ein EKG ersetzt sie nicht. Zur Organuhr und zum nächtlichen Erwachen haben wir Nachts immer um die gleiche Zeit aufwachen geschrieben.

Der Kräuterpfarrer von Wangs — Ergänzung, nicht Ersatz

Die Frage, wo Kräuterkunde aufhört und ärztliche Behandlung anfängt, ist in diesem Land einmal sehr konkret ausgefochten worden — an einer Figur, die bis heute auf Teepackungen steht.

Johannes Künzle, geboren am 3. September 1857 in Hinterespen bei Tablat, gestorben am 7. Januar 1945 in Zizers, wirkte laut Historischem Lexikon der Schweiz von 1909 bis 1920 in Wangs im Sarganserland — Pfarrer im Hauptberuf, «Kräuterpfarrer» nebenbei. Sein Büchlein «Chrut und Uchrut» machte ihn 1911 berühmt und erreichte über zwei Millionen Exemplare, mit italienischen, französischen und rätoromanischen Übersetzungen.

Interessant ist, wie er seine eigene Rolle bestimmte. Im Vorwort, datiert «Wangs bei Sargans, im Oktober 1911», bestimmt er sein Verhältnis zur Ärzteschaft in einem Satz: «Weit entfernt also, Konkurrent der Ärzte zu sein oder gar Gegner, bin ich deren Ministrant.» Das ist, hundertfünfzehn Jahre früher und in kirchlicher Sprache, genau die Linie, die auch dieser Text vertritt: ergänzend, nicht ersetzend.

Die Geschichte ging dann allerdings anders weiter. Die Kirche verbot ihm die Praxis, er gab 1920 die Pfarrstelle auf und machte die Nebentätigkeit zum Beruf. Die Ärzteschaft erwirkte ein gerichtliches Verbot — worauf Künzle 1922 eine landesweit beachtete Abstimmung über die Zulassung der Naturheilpraxis in Graubünden gewann. Das entsprechende Gesetz trug danach den Übernamen «Lex K.».

Nüchtern betrachtet ist das der Beginn genau jener Zweiteilung, mit der Patientinnen und Patienten hier bis heute leben: auf der einen Seite die ärztliche Versorgung über die Grundversicherung, auf der anderen die anerkannten komplementären Methoden über Zusatzversicherung und Register. Die Abstimmung von 1922 hat diese Linie nicht erfunden, aber sie hat sie sichtbar gemacht.

Zur Redlichkeit gehört der Rest des Lexikoneintrags: Künzle war theologisch Antimodernist und sympathisierte politisch mit den autoritären Regimes seiner Zeit. Ein Kräuterbuch zu schätzen heisst nicht, seinen Autor zu verklären.

Bessel van der Kolk hat den Gedanken in den Titel seines Buchs von 2014 gelegt: «The Body Keeps the Score» — der Körper führt Buch. Am Herzen wird dieses Buch oft zuerst lesbar.

Herzrasen: was tun, wenn das Herz gerade hämmert

Vorweg die Bedingung: Das Folgende richtet sich an Menschen, bei denen eine ärztliche Abklärung gefährliche Ursachen ausgeschlossen hat, oder an klar stressbedingte Episoden. Es ersetzt keine Diagnostik.

1. Den Ausatem verlängern. Hinsetzen, eine Hand auf den Bauch, und so atmen, dass das Ausatmen länger dauert als das Einatmen — etwa vier Zähler hinein, sechs hinaus. Der verlängerte Ausatem stärkt die Bremswirkung des Vagusnervs.

2. Benennen, was gerade läuft. «Mein Puls ist hochgegangen. Das ist unangenehm, und ich kenne es.» Das Benennen eines Zustands senkt die Erregung. Es ist kein Schönreden, sondern ein Unterbruch der Schleife.

3. Aufhören, jede Minute zu messen. Dauerndes Pulszählen am Handgelenk oder am Hals hält die Alarmbereitschaft aufrecht. Eine einzige Aufzeichnung während der Beschwerden ist für die Ärztin wertvoll. Die zehnte nährt nur die Angst.

4. Kaffee, Alkohol und Schlaf ehrlich prüfen. Zwei Wochen lang Koffein reduzieren, keinen Alkohol, feste Schlafenszeit, und die Episoden notieren. Für viele Menschen verändert allein das die Lage.

5. Bewegung statt Schonung. Regelmässige moderate Belastung senkt, sofern ärztlich nichts dagegen spricht, die Empfindlichkeit gegenüber Pulsschwankungen. Ein Körper, der schnelles Herzklopfen vom Aufstieg kennt, hält es seltener für einen Alarm.

6. Kräuter mit Vorsicht. Melisse, Weissdorn oder Herzgespann können Teil eines Abendrituals sein. Weissdorn kann allerdings die Wirkung von Herz- und Blutdruckmedikamenten verstärken, Herzgespann ist in der Schwangerschaft und bei starken Blutungen nicht angezeigt, Melisse verstärkt die Müdigkeit nach Beruhigungsmitteln. Wer Medikamente nimmt, fragt vor der ersten Tasse in der Apotheke nach.

7. Die Gefühle anschauen, die das Herz für dich trägt. Kehren die Beschwerden in bestimmten Situationen zurück — im Konflikt, in einer Beziehung, vor demselben Termin —, lohnt die Frage, was sich sonst nicht ausdrücken darf. Dazu passen Wo sitzen Emotionen im Körper und Nervöser Magen — wenn Stress auf den Magen schlägt. Wie du eine seriöse Fachperson erkennst, steht in Anerkannte Therapeutin finden in der Schweiz.

Zu den Manövern, die den Anfall stoppen sollen

Du hast vielleicht gehört, man könne einen Anfall mit Pressen wie beim Stuhlgang oder mit kaltem Wasser beenden. Das stimmt — in einem genau umrissenen Rahmen. Die Herzstiftung nennt solche Vagusmanöver ausdrücklich, die Bauchpresse (Valsalva-Manöver) ebenso wie ein paar grosse Schlucke kaltes Wasser, und schreibt den entscheidenden Satz dazu: Wie man ein Vagusmanöver durchführt, erklärt dir die Ärztin oder der Arzt.

Das ist ein Werkzeug für eine abgeklärte, bekannte Rhythmusstörung. Nicht etwas, das man bei unklaren Beschwerden einmal ausprobiert. Und eine Variante, die im Netz kursiert, gehört ausdrücklich nicht dazu: Druck oder Massage seitlich am Hals gehört ausschliesslich in ärztliche Hände — nie bei sich selbst, nie bei anderen.

Was aus alldem nicht folgt

Dass es «nur die Nerven» sind. Sehr oft stimmt das. Aber es ist ein Befund nach der Abklärung und nicht anstelle von ihr.

Dass ein einmaliges EKG die Sache erledigt. Ein Ruhe-EKG zwischen den Episoden kann auch bei anfallsartiger Rhythmusstörung völlig unauffällig sein. Kehren die Beschwerden zurück, zählt die Aufzeichnung währenddessen.

Dass Atem, Kräuter oder Körperarbeit die Kardiologie ersetzen. Sie können dem Nervensystem helfen, zur Ruhe zu finden. Eine Überfunktion der Schilddrüse behandeln sie nicht.

Dass man mit Angst leben muss. Angststörungen und Panikattacken zählen zu den psychischen Störungen mit der besten Behandlungsevidenz. Seit Juli 2022 ist der Weg dorthin über die Grundversicherung geregelt.

Dass ein Herz, das auf Gefühle reagiert, ein schwaches Herz ist. Es ist das Gegenteil. Ein Herz, das bei Anspannung schneller und in Sicherheit langsamer schlägt, tut genau das, wofür es gebaut ist. Das Problem ist nicht seine Beweglichkeit. Das Problem ist, dass es schon lange kein Signal mehr bekommen hat, dass jetzt Ruhe sein darf.

Häufig gestellte Fragen

Ist Herzrasen bei Stress gefährlich?

Meistens nicht. Bei einem gesunden Herzen ist ein rascher Puls durch Anspannung, Koffein oder zu wenig Schlaf in der Regel harmlos und geht von selbst vorbei. Nur lässt sich die Ursache nicht am Gefühl ablesen, weil manche Rhythmusstörungen dieselben Beschwerden machen. Deshalb gehört die erste oder eine wiederkehrende Episode in die Hausarztpraxis: EKG und ein paar Blutwerte reichen für den Anfang meistens aus.

Wie unterscheide ich stressbedingtes Herzrasen von einer Rhythmusstörung?

Sicher nur über ein EKG während der Beschwerden. Als Hinweis gilt: Angstbedingtes Herzklopfen baut sich meist auf und hat einen erkennbaren Auslöser, während eine anfallsartige Tachykardie häufig schlagartig beginnt und schlagartig aufhört und sehr schnell sein kann. Ohnmacht, Brustschmerz oder Beschwerden unter Anstrengung sind immer ein Grund für eine rasche Abklärung.

Warum sind die Beschwerden nachts schlimmer?

Abends und nachts fehlt die Ablenkung, und Extraschläge treten bei langsamerem Grundrhythmus leichter auf. Als weitere Erklärung gilt die Schlafposition: Auf der linken Seite liegt das Herz näher an der Brustwand. Verstärkend wirken Alkohol, späte Mahlzeiten, hormonelle Schwankungen und die angestaute Anspannung des Tages. Weckt dich Herzklopfen zusammen mit Atemnot, gehört das ärztlich abgeklärt.

Was zahlt die Krankenkasse bei Herzrasen?

Die kardiologische Abklärung ist Leistung der Grundversicherung; du trägst sie über Franchise und Selbstbehalt mit. Psychologische Psychotherapie übernimmt die Grundversicherung seit dem 1. Juli 2022 auf ärztliche Anordnung. KomplementärTherapie dagegen läuft über die Zusatzversicherung, und dort verlangen die Versicherer in der Regel eine Registrierung der Fachperson beim EMR oder bei der ASCA. Kläre das vor der ersten Sitzung ab.

Lohnt sich ein Langzeit-EKG, wenn das normale EKG unauffällig war?

Häufig ja. Ein Ruhe-EKG erfasst nur den Moment der Aufzeichnung; seltene Extrasystolen oder anfallsartiges Vorhofflimmern können ihm entgehen. Das Langzeit-EKG läuft in der Regel 24 Stunden bis 7 Tage, EKG-Patches zeichnen 2 bis 4 Wochen auf. Notiere in dieser Zeit die Uhrzeiten deiner Beschwerden — erst der Abgleich zeigt, ob das Gefühl zum Rhythmus passt.

Hilft Weissdorn gegen Herzrasen?

Weissdorn hat in der europäischen Kräutertradition einen festen Platz, taugt aber nicht als Antwort auf eine ungeklärte Rhythmusstörung. Er kann zudem die Wirkung von Herz- und Blutdruckmedikamenten verstärken. Wer solche Präparate einnimmt, bespricht die Einnahme vorher mit der Ärztin oder in der Apotheke. Gegen eine Tasse Melissentee am Abend ist dagegen selten etwas einzuwenden.

Wann muss ich damit auf die Notfallstation?

Sofort bei Brustschmerz oder Druck in der Brust, bei Ohnmacht oder dem Gefühl, gleich das Bewusstsein zu verlieren, bei plötzlicher Atemnot oder bei sehr schnellem Puls, der nach einigen Minuten Ruhe nicht nachlässt. Wähle in diesen Fällen 144. Warte nicht ab, ob es von selbst vergeht, und fahre nicht selbst Auto.

Kann eine Komplementärtherapeutin bei Herzrasen helfen?

Bei dem, was im Nervensystem geschieht: ja. Atemarbeit, Lösen von Anspannung, Umgang mit Angst und mit Gefühlen, die der Körper stellvertretend trägt, sind sinnvolle Felder. Aber erst, nachdem die Ärztin kardiale und nicht-kardiale Ursachen ausgeschlossen hat, und nicht an deren Stelle. Eine seriöse Fachperson fragt nach den Befunden und schickt dich zurück zur Ärztin, wenn sich die Beschwerden ändern.

Sources

  1. Schweizerische Herzstiftung — Herzstolpern, Interview mit PD Dr. Alexander Breitenstein (Universitäres Herzzentrum Zürich)
  2. Schweizerische Herzstiftung — Herzrhythmusstörungen
  3. BAG — Krankenversicherung: Prämien und Kostenbeteiligung
  4. BAG — Neuregelung der psychologischen Psychotherapie ab 1. Juli 2022
  5. Historisches Lexikon der Schweiz — Johannes Künzle
  6. Die Dargebotene Hand — Telefon 143
  7. Weber & Kapoor (1996) — Evaluation and outcomes of patients with palpitations, Am J Med 100(2):138–148
  8. Lessmeier et al. (1997) — Unrecognized paroxysmal supraventricular tachycardia, Arch Intern Med 157(5):537–543

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