Anthony de Mello sagte, Veränderung beginne mit Sehen. Was die Forschung dazu zeigt: Gedankenwandern, Interozeption, Achtsamkeit und ihre Grenzen.

Anthony de Mello — indischer Jesuit, ausgebildeter Berater und im deutschsprachigen Raum bis heute breit gelesen — wiederholte in seinen Kursen einen Satz, der wie eine Provokation klingt: Die meisten Menschen gehen schlafend durchs Leben. Gemeint war kein Schlaf im medizinischen Sinn, sondern Unaufmerksamkeit. Wir essen, reden, fahren Velo, streiten und sorgen uns — und während eines erstaunlich grossen Teils dieser Zeit sind wir mit den Gedanken nicht dort, wo unser Körper ist: im Morgen, im Gespräch von gestern, in einem Szenario, das nie eintreten wird.

Woran Du es merkst, ist unspektakulär. Du liest eine Seite zu Ende und weisst nicht, was darin stand. Du fährst heim und erinnerst Dich an keine Kreuzung. Abends bist Du erschöpft, ohne sagen zu können wovon. Genau an dieser Alltagserfahrung setzt dieser Text an — und nicht an einer Glaubensfrage.

Jahrzehntelang liess sich so etwas als fromme Rhetorik abtun. Dann liessen Psychologen in Harvard über zweitausend Menschen per App melden, was ihnen im Moment eines zufälligen Signals gerade durch den Kopf ging. Das Resultat: Wir sind während fast der Hälfte unserer Wachzeit mit den Gedanken woanders als mit dem Körper — und genau in diesen Momenten sind wir weniger glücklich. Wer das neben den alten Vortragsmitschriften liest, hat leicht den Eindruck, da habe jemand ein Vierteljahrhundert Vorsprung gehabt.

Dieser Text ist weder eine Lobrede noch eine Einkehrwoche. Wir prüfen, welche seiner Beobachtungen über Bewusstheit die Forschung bestätigt hat, welche sie verkompliziert und welche auf der Seite von Weltanschauung und Glaube bleiben. Eine Grenze vorweg: Arbeit mit Aufmerksamkeit unterstützt das Wohlbefinden, sie behandelt nichts. Sie ist komplementär, nicht alternativ — bei Anzeichen von Depression, Angst oder Trauma ist die Ärztin oder die Psychotherapeutin die erste Instanz, und darauf kommen wir weiter unten konkret zurück.

Wer Anthony de Mello war — und warum es bis heute Streit um ihn gibt

Er wurde am 4. September 1931 in Bombay geboren, in eine katholische Familie goanischer Herkunft, und trat mit sechzehn Jahren im Seminar Vinalaya am Rand der Stadt in den Jesuitenorden ein. 1952 schickte ihn der Orden nach Spanien, wo er in der Nähe von Barcelona Philosophie studierte; später folgte ein Master in pastoraler Beratung an der Loyola University in Chicago. Nach Angaben des offiziellen De-Mello-Archivs kam ein Abschluss in spiritueller Theologie an der Gregoriana in Rom dazu. 1961 wurde er am De Nobili College in Pune zum Priester geweiht. Diese Kombination — Ordensmann mit einer Ausbildung in Beratung — ist der Schlüssel zu allem, was er später geschrieben hat.

Am De Nobili College entstand 1972/73 unter seiner Leitung eine Einrichtung für pastorale Beratung, später unter dem Namen Sadhana Institute bekannt und 1978 nach Lonavla in den Westghats verlegt. Dort versuchte er, die ignatianischen Exerzitien mit Gebetsformen des Ostens und mit dem zu verbinden, was er in der Beratungspraxis gelernt hatte. Er starb im Juni 1987 in New York an einem Herzinfarkt, mit 55 Jahren.

Elf Jahre nach seinem Tod meldete sich Rom. Die Kongregation für die Glaubenslehre legte am 24. Juni 1998 eine Notifikation zu seinen Schriften vor; unterschrieben haben sie Joseph Kardinal Ratzinger und Tarcisio Bertone, gebilligt hat sie Johannes Paul II. Ihr Kernsatz erklärt zum Schutz der Gläubigen, die zuvor aufgeführten Positionen seien mit dem katholischen Glauben nicht vereinbar und könnten schweren Schaden verursachen.

Zwei Dinge sind daran bemerkenswert, und beide werden meistens übersehen. Erstens ist die Notifikation kein Verbot und verurteilt nicht die Person, sondern bestimmte Positionen; sie hält ausdrücklich fest, seine Werke enthielten «einige gültige Elemente der orientalischen Weisheit», die helfen könnten, Bindungen zu durchbrechen, die uns an der Freiheit hindern. Zweitens beschreibt sie seinen Hauptgedanken ungewöhnlich knapp: Der einzige Unterschied zwischen Jesus und den anderen Menschen bestehe bei de Mello darin, dass er «wach» und ganz frei gewesen sei, die anderen hingegen nicht. Selbst die Kritik bestätigt also, worum es ihm ging. Theologisch ist das ein ernsthafter Einwand. Für unsere Frage — was passiert mit einem Menschen, der aufmerksamer wird — ist es eine erstaunlich klare Zusammenfassung.

Was «Aufwachen» bei ihm wirklich heisst

Sein zentraler Gedanke ist unbequem, weil er dem Selbstoptimierungsgedanken genau entgegensteht. Er sagte nicht: Streng Dich mehr an. Er sagte: Hör auf, Dich anzustrengen, und schau zuerst einmal genau hin, was Du eigentlich tust. Veränderung beginnt in dieser Sicht nicht beim Willen, sondern beim Sehen — und der Wille, der ohne dieses Sehen antritt, produziert meist nur eine neue Schicht Druck über der alten.

Das ist eine Behauptung über Menschen, keine Messung. Aber sie lässt sich an mehreren Stellen mit dem vergleichen, was Psychologie und Neurowissenschaft in den letzten zwanzig Jahren tatsächlich gemessen haben. Genau das machen wir jetzt — und zwar mit allen Einschränkungen, die zu jeder einzelnen Studie gehören.

7 Erkenntnisse der Forschung, die wie seine Kurse klingen

1. Fast die Hälfte Deiner Wachzeit bist Du mit den Gedanken woanders

Matthew Killingsworth und Daniel Gilbert haben 2010 in Science die Daten von 2250 Erwachsenen ausgewertet, die über eine Anwendung fürs Telefon zu zufälligen Zeitpunkten gefragt wurden, was sie tun, wie sie sich fühlen und ob sie gerade an etwas anderes denken als an das, was sie tun. Das zentrale Resultat: Gedankenwandern trat in 46,9 Prozent der Stichproben auf — und bei jeder einzelnen Tätigkeit ausser dem Sex in mindestens 30 Prozent. Wer abschweifte, war im Schnitt deutlich weniger glücklich, und zwar bei allen Tätigkeiten, auch den unangenehmsten.

Der interessanteste Teil steht im Kleingedruckten. Zeitversetzte Auswertungen sprachen dafür, dass das Abschweifen in dieser Stichprobe eher die Ursache als die Folge der schlechteren Stimmung war. Beweisen lässt sich das so nicht: Es handelt sich um selbst ausgewählte Freiwillige und um ein Beobachtungsdesign, nicht um ein Experiment. Aber die Richtung ist bemerkenswert.

2. Das Gehirn hat zwei Arten, von Dir zu erzählen

Norman Farb und Kollegen haben 2007 in SCAN 36 Personen im Hirnscanner untersucht — 20 davon nach einem achtwöchigen Achtsamkeitskurs, 16 auf der Warteliste. Die Aufgabe trennte zwei Modi der Selbstwahrnehmung: das Nachdenken über die eigenen dauerhaften Eigenschaften und das Registrieren des Moments. Bei Ungeübten senkte der zweite Modus die Aktivität in den selbstbezogenen Mittellinienarealen nur punktuell. Bei den Geübten war die Absenkung deutlicher, und zugleich wurde ein rechtsseitiges Netzwerk mit Insel und Körperwahrnehmungsarealen stärker aktiv. Die Kopplung zwischen Insel und mittlerem Stirnhirn, bei Ungeübten eng, war in der Achtsamkeitsgruppe deutlich schwächer ausgeprägt.

Die Autoren beschreiben das als zwei Weisen, sich selbst wahrzunehmen — im Alltag ineinander verschoben, durch Übung trennbar: das Ich, das sich über Jahre erstreckt, und das Ich dieses Augenblicks. Einschränkung: 20 gegen 16 Personen sind nach heutigen Massstäben eine kleine Stichprobe.

3. Gefühle benennen — was im Labor messbar wurde

In einer Arbeit von Matthew Lieberman und Kollegen, 2007 in Psychological Science erschienen, bekamen 30 Personen belastende Bilder zu sehen, dazu drei verschiedene Aufgaben: das Gefühl in Worte fassen, das Geschlecht der abgebildeten Person bestimmen oder bloss hinsehen. Das Benennen des Gefühls senkte die Aktivität in der Amygdala und anderen limbischen Regionen; genau eine Hirnregion wurde dabei aktiver, der rechte seitliche Stirnhirnbereich. Die beiden Aktivierungen waren gegenläufig korreliert, vermittelt über das mittlere Stirnhirn.

Unter Laborbedingungen liess sich also messen, was sonst nur als Sprachbild erscheint: Emotionen benennen dämpft die Alarmreaktion. Es war allerdings eine einzelne Untersuchung mit 30 Personen; als Beleg für eine verlässliche Alltagswirkung reicht sie nicht. Der populäre Merksatz «name it to tame it» stammt im Übrigen nicht aus dieser Arbeit, sondern von Daniel Siegel — die Studie selbst formuliert erheblich vorsichtiger.

4. Interozeption — der Sinn, von dem in der Schule niemand spricht

Die Wahrnehmung des eigenen Körperinneren hat einen Namen und seit 2018 eine breit abgestützte Definition. Das Konsenspapier von Sahib Khalsa und Kollegen in Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging formuliert sie so: Interozeption bezeichne den Prozess, mit dem das Nervensystem Signale aus dem Körperinneren wahrnimmt, deutet und zusammenführt, und so eine fortlaufende Karte der inneren Lage erzeugt — bewusst wie unbewusst.

Dieselbe Arbeit hält fest, dass Fehlfunktionen dieses Prozesses immer häufiger als Teil psychischer Erkrankungen verstanden werden — genannt werden Störungen der Angst, der Stimmung, des Essverhaltens, der Sucht sowie somatische Belastungsstörungen. Das ist ein wichtiger Hinweis für die Praxis: Mehr Körperwahrnehmung ist nicht automatisch besser. Es kommt darauf an, in welcher Haltung sie geschieht. Wie sich das im Alltag anfühlt, beschreiben wir im Text darüber, wo Emotionen im Körper sitzen.

5. Was Du erwartest, verändert, was Du spürst

Gut untersucht ist, dass die Erwartung selbst verändert, wie stark ein Körpersignal ankommt — mit Esoterik hat das nichts zu tun. Den Placeboeffekt haben wir in einem eigenen Text im Detail beschrieben, inklusive der Basler Studie zu offenen Placebos: Placeboeffekt — was die Forschung zeigt. Für unser Thema zählt die Umkehrung: Wer überzeugt ist, dass ein Körpersignal etwas Schlimmes bedeutet, spürt es stärker. Bewusstheit heisst hier, die Deutung von der Empfindung unterscheiden zu lernen.

6. Achtsamkeit wirkt — bescheidener, als Apps versprechen

Den meistzitierten Überblick legten 2014 Madhav Goyal und Kollegen in JAMA Internal Medicine vor. Eingeschlossen wurden 47 Studien mit zusammen 3515 Teilnehmenden, und zwar nur solche, die gegen eine aktive Kontrollgruppe verglichen. Mässig starke Belege ergaben sich bei Angst (Effektstärke 0,38 nach acht Wochen und 0,22 nach drei bis sechs Monaten), bei depressiven Beschwerden (0,30 beziehungsweise 0,23) sowie bei Schmerz (0,33). Schwach war die Datenlage beim Stresserleben und bei der psychischen Lebensqualität; für Stimmung, Aufmerksamkeit, Schlaf, Essverhalten und Körpergewicht zeigte sich kein Effekt oder es fehlten Daten.

Dazu der Satz, der in Kursbeschreibungen selten auftaucht: Einen Beleg dafür, dass Meditationsprogramme irgendeiner aktiven Behandlung überlegen wären, fanden die Autoren nicht — verglichen wurde unter anderem gegen Medikamente, gegen Bewegung und gegen andere verhaltenstherapeutische Verfahren. Umgekehrt heisst das nicht, die Verfahren seien gleichwertig: Dafür waren die direkten Vergleiche zu wenige und die Studienqualität zu tief. Achtsamkeit ist eine Ergänzung, kein Ersatz für eine Behandlung.

7. Bewusstheit ist nicht immer angenehm

Jared Lindahl und Kollegen haben 2017 in PLOS ONE 60 Meditierende und zusätzlich 32 erfahrene Lehrpersonen und Fachleute ausführlich befragt — Praktizierende westlicher buddhistischer Traditionen, nicht Teilnehmende von Achtsamkeitskursen. Entstanden ist aus allen Gesprächen eine Systematik von 59 meditationsbezogenen Erfahrungen in sieben Bereichen, angenehme und belastende zusammen. 88 Prozent der Befragten berichteten, schwierige Erfahrungen hätten in den Alltag hineingewirkt; die Beschwerden dauerten im Median ein bis drei Jahre, und eine Mehrheit beschrieb mittlere bis schwere Beeinträchtigungen in mindestens einem Lebensbereich.

Diese Zahlen werden regelmässig falsch zitiert, deshalb in aller Deutlichkeit: Gesucht wurden für diese Untersuchung gezielt Personen, die von schwierigen Erfahrungen berichten konnten. Als Häufigkeit unter Meditierenden taugen die Prozentwerte deshalb nicht. Der Wert der Arbeit liegt woanders — sie belegt, dass es solche Verläufe gibt, dass sie sich über Jahre ziehen können und dass die Kursliteratur sie bis dahin praktisch überging. Wer nach dem Stichwort Meditation Nebenwirkungen sucht, findet deshalb wenig — nicht weil es keine gäbe, sondern weil lange niemand systematisch danach gefragt hat.

Wenn Aufmerksamkeitsarbeit nicht reicht — Psychotherapie in der Schweiz

Wie viele Menschen es betrifft, zeigt die Schweizerische Gesundheitsbefragung. Nach der Übersicht des Bundesamts für Statistik (Neuchâtel 2023, BFS-Nummer 213-2201, Erhebung 2022 mit 21'930 Teilnehmenden) waren 2022 18 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren durch psychische Probleme beeinträchtigt: 4 Prozent stark und 14 Prozent mittel — gegenüber 15 Prozent im Jahr 2017. Frauen berichteten häufiger als Männer (21 gegen 14 Prozent). Am deutlichsten stieg die Belastung bei jungen Frauen zwischen 15 und 24 Jahren: von 19 Prozent 2017 auf 29 Prozent 2022.

Seit dem 1. Juli 2022 gilt für die psychologische Psychotherapie das Anordnungsmodell. Der Ablauf steht in Artikel 11b der Krankenpflege-Leistungsverordnung, und er ist einfacher, als sein Ruf vermuten lässt: Eine Ärztin mit einem der dort genannten Weiterbildungstitel ordnet die Therapie an, und die Grundversicherung übernimmt pro Anordnung höchstens 15 Abklärungs- und Therapiesitzungen. Sind diese aufgebraucht, kann die anordnende Ärztin aufgrund eines Berichts der Psychotherapeutin eine weitere Anordnung über höchstens 15 Sitzungen ausstellen. Erst darüber hinaus — ab insgesamt mehr als 30 Sitzungen — braucht es eine Kostengutsprache nach dem Verfahren von Artikel 3b. Für Krisenintervention und Kurztherapien bei schwerer Neudiagnose oder lebensbedrohlicher Lage darf jede Ärztin und jeder Arzt mit einem eidgenössischen oder anerkannten ausländischen Weiterbildungstitel anordnen, unabhängig von der Fachrichtung — hier zahlt die Versicherung höchstens 10 Sitzungen.

Bezahlt wird das aus der Grundversicherung, also mit der normalen Kostenbeteiligung: gewählte Franchise und darüber hinaus Selbstbehalt. Für Erwachsene liegt die Franchise 2026 zwischen 300 und 2500 Franken, der Selbstbehalt beträgt 10 Prozent der Kosten oberhalb der Franchise, höchstens 700 Franken im Jahr (Bundesamt für Gesundheit, Kostenbeteiligung, Stand 2026 — prüfe die aktuellen Werte bei Deiner Kasse). Wer eine hohe Franchise gewählt hat, bezahlt die ersten Sitzungen faktisch selbst.

Was dabei herausgekommen ist, hat der Bund untersuchen lassen. Die formative Evaluation der ZHAW im Auftrag des BAG (Schlussbericht Dezember 2025) hält fest, dass die Versorgungsdichte von 27 auf 40 Vollzeitäquivalente pro 100'000 Versicherte gestiegen ist und eine Mehrheit der Fachpersonen den Zugang als verbessert beurteilt. Zugleich hält der Bericht fest, dass sich die Wartezeiten nicht verkürzt haben. Die Medienmitteilung des BAG vom 24. Juni 2026 wiederholt das und nennt Engpässe besonders im Kinder- und Jugendbereich und in ländlichen Regionen; die Kosten zulasten der Grundversicherung stiegen von 528 Millionen Franken 2021 auf 922 Millionen 2024.

Praktisch heisst das: Ein Platz ist nach wie vor nicht schnell zu haben, und es lohnt sich, parallel zu suchen, statt auf eine einzige Zusage zu warten. Woran Du eine seriöse Fachperson erkennst, steht in unserem Text darüber, wie Du eine anerkannte Therapeutin in der Schweiz findest.

Was die Krankenkasse an Achtsamkeit zahlt — und was nicht

Die Lage ist hier eindeutig. Die Grundversicherung kennt in der Komplementärmedizin eine abschliessende Liste von fünf Methoden, und sie zahlt diese nur, wenn eine Ärztin mit entsprechender Weiterbildung sie erbringt: Akupunktur, Anthroposophische Medizin, Arzneimitteltherapie der Traditionellen Chinesischen Medizin, Ärztliche Klassische Homöopathie und Phytotherapie. Achtsamkeitskurse, MBSR und Meditation stehen nicht auf dieser Liste und sind auch sonst nicht Teil des Pflichtleistungskatalogs.

Bleibt die Zusatzversicherung — und dort wird es individuell. Jeder Versicherer legt in seinen Bedingungen selbst fest, welche Methoden er vergütet und welche Fachpersonen er anerkennt; die Unterschiede sind erheblich. In aller Regel setzt die Rückerstattung eine Registrierung beim Erfahrungsmedizinischen Register oder bei der ASCA voraus. Und hier liegt ein Detail, das selten jemand erwähnt: Nach der aktuell publizierten Methodenliste des Erfahrungsmedizinischen Registers führt dieses keine eigene Methode «Achtsamkeit» oder «MBSR». Registrierbar sind benachbarte Methoden wie Atemtherapie, Autogenes Training, Hatha Yoga oder Yoga Therapie. Weil EMR und ASCA ihre Listen laufend anpassen, gilt verbindlich nur der Stand, den Du direkt bei Register und Kasse abfragst.

Für Dich heisst das konkret: Ein reiner Achtsamkeitskurs ist meistens keine über die Zusatzversicherung abrechenbare KomplementärTherapie, auch wenn er gut ist. Kläre vor der Anmeldung bei Deiner Kasse ab, welche Methode und welche Fachperson sie anerkennt — nicht danach. Welche Kasse welche Methode führt und worauf beim Abschluss zu achten ist, haben wir in Komplementärmedizin: Was zahlt die Krankenkasse und im Vergleich von EMR und ASCA zusammengetragen.

Wie die chinesische Medizin den wandernden Geist gelesen hat

Die traditionelle chinesische Medizin kennt kein Wort für Achtsamkeit im heutigen Sinn, aber eine ausgebaute Sprache für das, was mit einem Menschen geschieht, dessen Aufmerksamkeit zerfällt. Klarheit des Geistes wird in dieser Tradition mit dem Begriff shen verbunden, oft als «Geist» übersetzt, der im Herzen wohne. Ein ruhiges Herz ist in diesem Bild ein klarer Kopf; ein aufgewühltes Herz zeigt sich als Denken, das keinen Ort findet.

Der zweite Strang ist noch interessanter. Das übermässige Grübeln — dasselbe Kreisen um dieselben Gedanken, das die Psychologie Rumination nennt — ordnete diese Tradition der Milz zu, dem Organ, das in ihrem System nicht nur Nahrung, sondern auch Erfahrungen «verdaut». Kreisen die Gedanken, ermüdet die Milz, und der Mensch fühlt Schwere, Müdigkeit und Appetitlosigkeit. Als Beschreibung eines Zustands ist das erstaunlich treffend. Eine Aussage über Wirksamkeit ist es damit nicht, und wir behandeln es auch nicht so.

Dazu kommt ein Bild aus dem Daoismus. Zhuangzi verglich den Geist des Weisen mit einem Spiegel — was vor ihn tritt, erscheint; nichts wird festgehalten, nichts weggestossen. Dem, was de Mello Bewusstheit nannte, kommt dieses Bild nahe. Wir behandeln es als Überlieferung und Interpretation, schön und anregend, aber nicht als klinischen Befund.

Was die Schweizer Überlieferung sah — Bruder Klaus im Ranft

Es gibt in der Schweizer Geschichte eine Figur, an der sich dieselbe Frage mit lokalem Material durchspielen lässt. Niklaus von Flüe, geboren 1417 in Unterwalden, war Bauer, sass in Rat und Gericht, war mit Dorothea Wyss verheiratet und hatte zehn Kinder. Am 16. Oktober 1467 nahm er Abschied von seiner Familie und brach zu einer Pilgerfahrt auf. Er kam bis Liestal, kehrte um und zog sich in den Wald im Melchtal zurück; wenige Tage später fanden ihn Jäger. Danach baute er sich eine Hütte in der Ranftschlucht unterhalb seines Hofs, wo er bis zu seinem Tod am 21. März 1487 lebte.

Nach dem Historischen Lexikon der Schweiz war das Gebet für seine Spiritualität von zentraler Bedeutung; das ihm zugeschriebene «gewonlich bet» wurde von anderen aufgezeichnet und handschriftlich bis nach Norddeutschland weitergereicht. In seiner Zelle hing ein Betrachtungsbild, ein sechsspeichiges Rad mit einem gekrönten Haupt in der Nabe — also ein Gegenstand, der zum Schauen da war, nicht zum Lesen. Das Lexikon ordnet ihn der Bewegung der Gottesfreunde und der oberrheinischen Mystik zu, mit Berührungspunkten zur Sprache Heinrich Seuses.

Die älteste überlieferte Fassung des Gebets, aufgezeichnet um 1500, beginnt anders als die heute bekannte: «O myn got unde min here nym mich mir und gyb mich gancz zcu eygen dyr.» In heutigem Deutsch und in der verbreiteten jüngeren Fassung lautet es: «Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.»

Zur Redlichkeit gehören drei Einschränkungen. Niklaus von Flüe hat nichts geschrieben; der älteste Text stammt rund dreizehn Jahre nach seinem Tod, und die populäre Fassung ist die jüngere. Die Berichte, er habe ohne Nahrung gelebt, lösten damals Prüfungen aus — Obwalden stellte per Ratsbeschluss einen Monat lang Wächter auf, 1469 wurde die Sache im Auftrag des Bischofs von Konstanz untersucht, und man fand weder Betrug noch Dämonie. Das ist eine dokumentierte Untersuchung des 15. Jahrhunderts, kein medizinischer Nachweis, und so sollte man es auch lesen. Und die verbreitete Erzählung, er habe 1481 einen Bürgerkrieg verhindert, nennt das Historische Lexikon der Schweiz ausdrücklich eine Legende; als erwiesen gilt dagegen sein vermittelnder Einfluss auf das Stanser Verkommnis vom 22. Dezember 1481 — ohne dass er persönlich anwesend gewesen wäre. Heiliggesprochen wurde er am 15. Mai 1947 durch Pius XII.; er gilt seither als überkonfessioneller Schutz- und Friedenspatron.

Was bleibt für unser Thema? Nicht der Rückzug, den heute niemand nachahmen soll. Sondern die Struktur dieses Gebets. Nimm von mir, was hindert. Gib mir, was fördert. Nimm mich mir. Es ist, in der Sprache des 15. Jahrhunderts, eine ziemlich genaue Beschreibung dessen, was de Mello das Loslassen der Selbstbilder nannte — und es stammt von einem Bauern aus Obwalden, nicht aus einem Seminarraum.

O myn got unde min here nym mich mir und gyb mich gancz zcu eygen dyr.

— Bruder-Klausen-Gebet, älteste überlieferte Fassung, aufgezeichnet um 1500

5 Dinge, die Du heute anfangen kannst

Bewusstheit braucht weder ein Retreat noch eine Stunde Meditation. Aus der Forschung zu Gedankenwandern und Interozeption lassen sich ein paar sehr schlichte Übungen ableiten, die in einen gewöhnlichen Tag passen.

  1. Drei Fragen über den Tag verteilt. Stell im Telefon drei Alarme zu zufälligen Zeiten ein — ähnlich den unvorhersehbaren Signalen in der Studie von Killingsworth und Gilbert. Wenn sie klingeln, frag Dich: Wo bin ich mit den Gedanken? Was spüre ich im Körper? Wie atme ich? Ohne Bewertung, nur notieren. Nach einer Woche siehst Du erste Tendenzen.
  2. Benenne es mit einem Wort. Wenn Spannung auftaucht, sag innerlich, was es ist: Ärger, Unruhe, Müdigkeit, Trauer. Ein Wort genügt. Emotionen benennen ist die einfachste Form von Regulation, die untersucht wurde — die Befunde stammen allerdings aus kleinen Laborstudien, nicht aus dem Alltag.
  3. Eine Minute Erfahrung statt Erzählung. Mach einmal täglich eine Minute lang etwas Gewöhnliches — Tee trinken, Hände waschen — und registriere nur Empfindungen: Temperatur, Geruch, Gewicht. Taucht ein Kommentar auf, bemerke ihn und kehr zur Empfindung zurück.
  4. Körperscan mit Neugier, nicht mit Wachsamkeit. Geh mit der Aufmerksamkeit von den Füssen zum Kopf und frag: Wo ist Spannung? Such keine Krankheitszeichen, such Information. Was gegen festgefahrene Spannung hilft, findest Du unter Anspannung im Körper ohne Medikamente lösen.
  5. Ein verlängerter Ausatem. Wenn Du merkst, dass die Gedanken ins Düstere kippen, mach einen ruhigen, längeren Ausatem. Welche Atemtechniken belegt sind und welche nicht, haben wir in Atemübungen gegen Stress nach Evidenz sortiert.

Was man daraus nicht folgern darf

Erstens nicht, dass Bewusstheit alles löst. Sehen ist ein Anfang und kein Abschluss. Eine Depression geht nicht weg, weil jemand sie bemerkt hat, und zu chronischem Schmerz gehört eine ärztliche Abklärung. De Mello war ausgebildeter Berater — er hätte dieser Einschränkung kaum widersprochen.

Zweitens nicht, dass Du es falsch machst, wenn Dir Meditation nicht gelingt. Dass die Gedanken wandern, ist kein Scheitern, sondern der Regelfall — bei ganz gewöhnlichen Menschen rund die halbe Wachzeit. Geübt wird nicht das Nichtabschweifen, sondern das Bemerken, dass man abgeschweift ist.

Drittens nicht, dass seine Spiritualität damit wissenschaftlich beglaubigt wäre. Ist sie nicht. Belegt sind Entsprechungen, mehr nicht: Einzelne seiner Beobachtungen zu Aufmerksamkeit, Erwartung und Benennen tauchen in messbaren Prozessen wieder auf. Fragen nach Sinn und Gott bleiben ausserhalb der Reichweite eines Hirnscanners — und das ist gut so.

Viertens nicht, dass dies ein Text über Religion wäre. Er ist es nicht. Er handelt davon, dass der älteste Rat der Welt — wach auf und schau, was Du tust — zu den am besten beschriebenen Gegenständen der heutigen Psychologie gehört. Du kannst ihn verwenden, unabhängig davon, was Du glaubst.

Häufig gestellte Fragen

Wer war Anthony de Mello?

Ein Jesuit aus Indien, geboren am 4. September 1931 in Bombay, gestorben im Juni 1987 in New York. Sein Weg führte über ein Philosophiestudium bei Barcelona und einen Master in pastoraler Beratung an der Loyola University in Chicago zur Priesterweihe 1961. Ab 1972/73 leitete er am De Nobili College in Pune die Beratungseinrichtung, aus der das Sadhana Institute hervorging; 1978 zog es nach Lonavla. Seine Bücher verbinden ignatianische Exerzitien, östliche Gebetsformen und Beratungspraxis.

Was meinte er mit «Aufwachen»?

Dass Veränderung nicht beim Willen beginnt, sondern beim Sehen. Nach dieser Sicht laufen die meisten Menschen im Autopilot und versuchen sich zu verbessern, ohne vorher genau hinzuschauen, was sie eigentlich tun — weshalb die Anstrengung nur eine weitere Schicht Druck erzeugt. Es ist eine Behauptung über Menschen, keine medizinische Aussage.

Warum hat die Kirche 1998 Vorbehalte angemeldet?

Die Kongregation für die Glaubenslehre legte am 24. Juni 1998 eine Notifikation vor, unterschrieben von Joseph Kardinal Ratzinger und Tarcisio Bertone. Darin gelten einzelne in seinen Schriften gefundene Positionen als mit dem katholischen Glauben unvereinbar, unter anderem ein Gott ohne Form und Gestalt sowie die Einordnung Jesu als eines Meisters unter anderen. Es ist eine lehramtliche Erklärung und kein Verbot; im selben Dokument steht, seine Werke enthielten gültige Elemente östlicher Weisheit.

Bestätigt die Forschung, was er über Bewusstheit sagte?

Teilweise, und nur für die überprüfbaren Teile. Belegt sind: dass Gedankenwandern in 46,9 Prozent der Stichproben auftrat und mit geringerem Wohlbefinden einherging (Killingsworth und Gilbert 2010); dass das Benennen von Gefühlen die Amygdala-Aktivität senkt (Lieberman 2007); dass sich zwei Modi der Selbstwahrnehmung neuronal trennen lassen (Farb 2007). Nicht belegt sind religiöse oder weltanschauliche Aussagen — die liegen ausserhalb dessen, was Studien prüfen können.

Was ist Interozeption?

Das Spüren des eigenen Körperinneren. Khalsa und Kollegen beschreiben in ihrem Konsenspapier von 2018, wie das Nervensystem Signale von innen aufnimmt, auslegt und zu einer laufend aktualisierten Karte der inneren Lage verbindet — teils bewusst, teils nicht. Dieselbe Arbeit nennt Angst-, affektive, Ess-, Sucht- und somatische Belastungsstörungen als Bereiche, in denen Störungen dieses Prozesses eine Rolle spielen.

Kann Meditation schaden?

Sie kann belastende Zustände auslösen, und das gehört offen gesagt. Lindahl und Kollegen befragten 2017 60 Meditierende sowie 32 Lehrpersonen und Fachleute aus westlichen buddhistischen Traditionen — gezielt ausgewählt, weil sie von schwierigen Erfahrungen berichten konnten. Daraus entstand eine Systematik von 59 meditationsbezogenen Erfahrungen in sieben Bereichen, nicht alle davon belastend. 88 Prozent der Befragten gaben an, schwierige Erfahrungen hätten über die Übung hinaus in den Alltag gewirkt, im Median über ein bis drei Jahre. Weil die Stichprobe genau danach zusammengestellt wurde, lassen sich daraus keine Häufigkeiten für Meditierende allgemein ableiten. Verstärkt eine Praxis Angst, Entfremdung oder Erinnerungsdruck, ist das ein Grund aufzuhören und fachlich abzuklären, nicht ein Grund, mehr zu üben.

Zahlt die Krankenkasse einen Achtsamkeitskurs?

Die Grundversicherung nicht. In der Komplementärmedizin übernimmt sie ausschliesslich Akupunktur, Anthroposophische Medizin, Arzneimitteltherapie der TCM, Ärztliche Klassische Homöopathie und Phytotherapie, und nur ärztlich erbracht. Über die Zusatzversicherung hängt alles vom Versicherer ab; üblicherweise braucht es eine Registrierung bei EMR oder ASCA, und die EMR-Methodenliste führt keine Methode namens Achtsamkeit oder MBSR. Frag vor der Anmeldung bei Deiner Kasse nach.

Wie komme ich in der Schweiz zu einer Psychotherapie?

Über eine ärztliche Anordnung. Seit dem 1. Juli 2022 übernimmt die Grundversicherung pro Anordnung höchstens 15 Abklärungs- und Therapiesitzungen; über insgesamt 30 Sitzungen hinaus braucht es eine Kostengutsprache. Für Krisenintervention und Kurztherapien sind es höchstens 10 Sitzungen, und dafür darf jede Ärztin und jeder Arzt mit einem anerkannten Weiterbildungstitel anordnen, unabhängig von der Fachrichtung. Es gilt die normale Kostenbeteiligung aus Franchise und Selbstbehalt. Nach der Evaluation des Bundes haben sich die Wartezeiten trotz mehr Fachpersonen nicht verkürzt — such deshalb an mehreren Orten gleichzeitig.

Fazit

Die vielleicht nüchternste Erkenntnis dieses Textes ist, dass der wandernde Geist kein Defekt ist. Er ist die Bauart. Dass wir fast die halbe Wachzeit nicht dort sind, wo wir uns befinden, ist der Preis dafür, überhaupt an Abwesendes denken zu können — und eben deshalb ist Bewusstheit nichts, was man besitzt oder nicht besitzt, sondern etwas, das portionenweise zurückkehrt.

Der Beitrag der Forschung bleibt klein und trotzdem nützlich. Das Benennen von Gefühlen senkte unter Laborbedingungen die Alarmreaktion — ein Hinweis, kein gesicherter Alltagseffekt. Das Körperinnere ist ein eigener Sinn, dessen Wirkung von der Haltung abhängt, mit der man hinhört. Und Achtsamkeit hilft in mässigem Ausmass, ohne dass ein Vorteil gegenüber anderen Verfahren belegt wäre; bei manchen Menschen schlägt sie sogar in die Gegenrichtung aus. Kurse versprechen mehr; Skeptiker erwarten weniger.

Ein Einsiedler aus Obwalden und ein Jesuit aus Bombay wären sich in den meisten Fragen nicht einig geworden. In einer vermutlich schon: Am Anfang steht nicht der Erwerb von etwas Neuem, sondern der Blick auf das, was ohnehin schon da ist. Geprüfte Fachpersonen für die Arbeit mit Körper und Aufmerksamkeit — solche, die ihre Methode samt deren Grenzen kennen — findest Du im Verzeichnis von RealHealers.

Sources

  1. Kongregation für die Glaubenslehre (1998) — Notifikation zu den Schriften von Anthony de Mello
  2. BAG — Neuregelung der psychologischen Psychotherapie ab 1. Juli 2022
  3. BAG — Krankenversicherung: Kostenbeteiligung für in der Schweiz wohnhafte Versicherte
  4. ZHAW im Auftrag des BAG (2025) — Formative Evaluation der Neuregelung der psychologischen Psychotherapie
  5. EMR — Methodenliste des ErfahrungsMedizinischen Registers
  6. Historisches Lexikon der Schweiz — Flüe, Niklaus von
  7. Die Dargebotene Hand — Telefon 143

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